Mittwoch, 2. November 2016

Klinik Wintermoor


Das „Gesundungshaus Wintermoor“ entstand 1942/43. In jener Zeit während des Zweiten Weltkrieges nahmen die Luftangriffe auf deutsche Großstädte stetig zu, wobei die innerstädtischen Krankenhäuser schnell ihre Kapazitäts- und Leistungsgrenzen erreichten. Man sah sich gezwungen, Ausweichkrankenhäuser außerhalb der Stadtgrenzen zu errichten, um die steigende Zahl an Patienten überhaupt bewältigen zu können.


Vor diesem Hintergrund beschloss der Hamburger Senat, in Wintermoor sowie in Bad Bevensen jeweils ein Ausweichkrankenhaus zu errichten. Die Arbeiten in Wintermoor wurden durch die Organisation Todt unter Zuhilfenahme von sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern an der Behringer Straße ausgeführt. Am 8. Februar 1943 wurde die Anlage mit einer Kapazität von 400 Betten eröffnet, und bereits 6 Monate später auf 825 Betten erweitert.
Diese Erweiterung (sog. Anlage 2) wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite realisiert und diente vorwiegend als Ausweichmöglichkeit für die Kinderklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf.

Nach dem Krieg fand in den Jahren 1947/48 eine Umwandlung der gesamten Anlage in eine Tuberkuloseklinik statt, die ab 1949 unter der Bezeichnung „Hamburgisches Krankenhaus Wintermoor“ fungierte. Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit (1946/47) berichtet Walter Eckel, ein ehemaliger Patient der Tuberkuloseklinik, in seinem Kindertagebuch mit dem Titel „Ich habe alles aufgeschrieben!“ über seine Zeit in Wintermoor folgendes:

Das Krankenhaus Wintermoor war von Wäldern umgeben und bestand aus einer Reihe ebenerdiger Holzbauten, etwas barackenförmig, aber im Inneren gut ausgebaut. Ich kam in ein Zehnbettzimmer für 6- bis 13-jährige Jungen, dazu gab es  ein gleiches Zimmer für 6- bis 13-jährige Mädchen und ein drittes Zimmer für Kleinkinder beiderlei Geschlechts. Alle diese Kinder hatten eine geschlossene, das heißt noch nicht ansteckende, Lungentuberkulose.
In den USA war bereits Penicillin erfunden worden, stand aber Deutschen noch nicht zur Verfügung. So gab es in Wintermoor nur die klassischen drei Methoden, Lungenkrankheiten zu heilen: Gutes Essen, frische Luft und viel Ruhe.
Trotz der Hungersnot in Deutschland gab es zumindest für die Tbc-Krankenstationen keine Knappheit von Lebensmitteln; wir Kinder konnten uns immer satt essen. Das Essen war oft einfach; es gab viele Suppen, und als Eiweißspender gab es oft die großen „Pferdebohnen“ in den harten Schalen, die niemand gern mochte; aber insgesamt war das Essen gut. Außerdem musste jedes Kind täglich einen großen Esslöffel Lebertran zu sich nehmen, der schauerlich ranzig schmeckte; aber da gab es kein Pardon.
Auch die zweite Heilmaßnahme, viel frische Luft, wurde konsequent durchgeführt. Zu allen Zeiten, zu denen wir im Bett liegen sollten, tagsüber Liegekur und Mittagsschlaf, und auch während der Nachtruhe, blieben die Fenster weit geöffnet, auch in den kältesten Winternächten. Dabei liefen die Zentralheizungen auf Hochtouren; den Kohlenmangel in Deutschland, der in dem strengen Winter 1946/47 viele unterernährte Menschen in ihren Betten erfrieren ließ, gab es für die Krankenhäuser nicht. […]
Die dritte Heilmaßnahme, viel Ruhe, wurde theoretisch auch konsequent durchgeführt, klappte aber in der Praxis gar nicht. Es gab täglich drei Ruhezeiten: Die Nachtruhe dauerte von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Von 9 bis 11 Uhr war die sogenannte „Liegekur“; nach dem Mittagessen kam der Mittagsschlaf von 1 bis 4 Uhr nachmittags. Wir mussten in den Ruhezeiten immer stramm liegen bleiben, durften aber bei der vormittäglichen Liegekur lesen oder miteinander sprechen. Beim Mittagsschlaf war aber auch das verboten; denn wir sollten ja schlafen. Soweit die Theorie. In der Praxis waren vor allem die Jungen nicht den größten Teil des Tages im Bett zu halten. Vor der Liegekur gab es keine Freizeit, da außer Waschen und Frühstück noch Untersuchungen und die tägliche Arztvisite anstanden. Spielen durften die Kinder nur die eine Stunde vor dem Mittagessen und ca. eineinhalb Stunden vor dem Abendbrot, das es schon um 6 Uhr abends gab. […]
Wie die meisten Kinder bekam auch ich nur selten Besuch. Hamburg war weit, und die Verkehrsverbindungen waren schlecht. Hinzu kam die Einengung der Besuchszeiten. Die Angehörigen durften die Klinikräume nicht betreten; sie durften nur am offenen Fenster mit ihrem Kind sprechen, und auch das war zur Mittagsschlafzeit nicht erlaubt. Nur in den kurzen Zeiten vor dem Mittagessen und vor dem Abendbrot durften sie kleine Waldspaziergänge mit ihrem Kind machen, sofern es seiner Krankheit wegen nicht ständig im Bett bleiben musste.[...]
Soweit die Erinnerungen von Walter Eckel.





Ab 1968 nannte sich das Krankenhaus „Fachklinik für Erkrankungen der Atemwege“ – jedoch nur bis Ende 1975, als Hamburg die Klinik schließlich aufgab.

Ab dem 1. Januar 1976 nutzte die ENDO-Klinik Hamburg-Altona (Fachklinik für Knochen- und Gelenkchirurgie) den älteren Teil (Anlage 1) mit 305 Betten, und zwar vorwiegend zur Patientenrehabilitation.Die folgenden Postkartenmotive stammen aus dieser Zeit:

Postkartenmotive aus der Zeit der ENDO-Klinik







Die ENDO-Klinik gab den Standort Wintermoor Ende 1997 aus wirtschaftlichen Gründen auf. In der Folge übernahm das privat geführte „Pflegezentrum Wintermoor“ die zuvor von der Klinik genutzte Liegenschaft und betrieb dort ein Altenpflegeheim, welches jedoch allmählich in eine wirtschaftliche Schieflage geriet und  2005 unter Insolvenzverwaltung gestellt wurde. Vermutlich ist die abgeschiedene Lage inmitten eines großen Waldgebiets und fernab von den nächstgrößeren Orten nicht ganz unschuldig daran. Was zu Kriegszeiten also noch Hauptgrund für den Bau der Anlage war, wurde ihr in den letzten Jahren zum Verhängnis. Seit der Insolvenz des Pflegezentrums jedenfalls steht die Anlage leer und zerfällt nach und nach.

Diese Luftaufnahme stammt aus den 70er oder 80er Jahren

Aktuelles Luftbild (Quelle: bing.com/maps)

Den nordöstlich gelegenen Teil (Anlage 2) des Komplexes haben der Verein Naturschutzpark in Hamburg und der Landkreis Soltau 1976 übernommen und das „Jugenddorf Ehrhorn“ geschaffen. 10 der 17 ursprünglichen Baracken wurden erhalten, die restlichen Gebäude wurden jedoch schon damals abgerissen.Während das Waldpädagogikzentrum Ehrhorn noch heute besteht, ist auf dem südlich der Behringer Straße gelegenen Areal durch den jahrelangen Leerstand inzwischen erheblicher Schaden entstanden, teils durch Witterungseinflüsse und teils durch Vandalismus. Dass hier jemals wieder eine Nutzung erfolgen wird, kann man sich nur schwer vorstellen. Für die Wintermoorer ist der Niedergang der Klinik und der Folgeeinrichtungen besonders bitter, denn sie waren einst die größten Arbeitgeber am Ort.

Hier einige Impressionen vom südlich der Behringer Straße gelegenen Teil der Anlage in Wintermoor. Die Fotos wurden im Oktober 2016 aufgenommen:







































































Die ehemalige Haupt-Zufahrt zum Gelände ist heute durch Betonblöcke verstellt

Der letzte Nutzer: Pflegezentrum Wintermoor



Quellen: Wikipedia.de; Geschichtsspuren.de; Abendblatt.de; Buch von Walter Eckel: "Ich habe alles aufgeschrieben! Ein Kindertagebuch aus dem Krieg". Fotos: Eigene (Oktober 2016) bzw. wie angegeben.