Freitag, 18. Dezember 2009

Der Gaußturm in Dransfeld bei Göttingen


Der zu Gauß' und Goethes Zeiten unbewaldete Hohe Hagen verlor mit der Zeit durch den zunehmenden Bewuchs der Hänge seine frühere Anziehungskraft, da die heranwachsenden Bäume die herrliche Rundsicht versperrten. Der 1904 gegründete Verschönerungsverein Dransfeld e.V., der aus dem „Comitee für Dransfelder Sommerfrische" (seit 1881) hervorging, beschloss daher 1906 den Bau eines Aussichtsturmes auf dem Hohen Hagen, der als Wander- und Reiseziel zur Belebung des Fremdenverkehrs beitragen sollte. Zwei Jahre später entschied man, den Turm C. F. Gauß zu widmen und dem bedeutenden Wissenschaftler, der auf dem Hohen Hagen mit der Vermessung des Königreichs Hannover begonnen hatte, damit ein gebührendes Denkmal zu setzen.

Es wurde ein Turmbaufond gegründet und in einer groß angelegten Sammelaktion und durch Bittbriefe Spendengelder für den Turmbau zusammengetragen. Besonders engagierte sich der als Schriftführer und Kassenwart gewählte Dransfelder Lehrer und Kantor Forthmann (1871 - 1964), der als eifrigster Förderer in die Geschichte des Gaußturmes einging.

Auch in Göttingen ließ der Kantor Spendenbüchsen aufstellen. Als das Kapital auf 15.000 Mark angewachsen war, steuerte Kaiser Wilhelm II. 4.000 Mark bei.
Zahlreiche Spenden gingen von der Bevölkerung ein, aber auch von Gelehrtengesellschaften der Universität Göttingen und wissenschaftlichen Vereinen sowie aus Kreisen des Handels, der Industrie, der Presse und der Schifffahrt.

Angesichts solcher Rückendeckung wartete der Verschönerungsverein mit der Grundsteinlegung nicht erst, bis die Bausumme von 51.000 Goldmark vollständig zusammen war. Zur Feierstunde am 29. Juli 1909 kamen auch die Kasseler Architekten des 35 Meter hohen, wuchtigen Bergfrieds, Ludloff und Stiege.
In einem Wettbewerb, bei dem neun Baufirmen ihre Entwürfe für den Gaußturm einreichten, entschied man sich für zwei Architekten aus Kassel, die einen wuchtigen Bergfried aus dem Basalt des Hohen Hagens entworfen hatten.

Die Feier der Grundsteinlegung fand in Anwesenheit zahlreicher Behördenvertreter der Stadt Dransfeld, des Kreises Münden und der Stadt Göttingen, der Universität Göttingen und vieler Einheimischer und Fremder am 29.07.1909 statt, dem Tag, an dem 88 Jahre zuvor C. F. Gauß seine Arbeiten am Hohen Hagen beendet hatte.

Für den Bau des Turmes wurden Baustoffe wie Sand und Holz aus dem Dransfelder Wald sowie Basalt vom Hohen Hagen genutzt. Der Berliner Kunstprofessor und wilhelminische Hofbildhauer Prof. Gustav Eberlein (1847-1926) versprach bei einem Besuch der Baustelle, eine repräsentative Gaußbüste für die Eingangshalle anzufertigen.
Die Gaußbüste entstand immerhalb weniger Monate. Die Büste wurde am 31. Juli 1911, dem Tag der Turmeröffnung, in der Eingangshalle enthüllt. Das strahlend weiße Kunstwerk setzte sich wirkungsvoll von der mosaikgeschmückten Halle ab.
„Als amerikanische Soldaten 1945 Dransfeld befreiten, schlugen sie der Büste die Nase ab“, berichtet Stadtarchivar Friedrich Rehkop bitter. Die Soldaten hätten außerdem der Figur von August Giesecke in den Kopf geschossen. Giesecke hatte den Turmbau mit großen Beträgen unterstützt und bei der Eröffnung des Bauwerks die Festrede halten dürfen.

Bereits zwei Jahre nach der Grundsteinlegung, am 31.07.1911, konnte der Gaußturm eingeweiht werden. Zu der rauschenden Feier mit über 2.000 Gästen erschienen auch Nachkommen der Familie Gauß aus Deutschland und den USA.
Die Höhe des Turms betrug 32,3 m, die Aussichtplatform war in 22,17 m und auf 528 m. ü. NN.

Als Turmwächterin wirkte 25 Jahre lang Lina Eilers. „Tante Eilers“, wie sie die Ausflügler nannten, verkaufte Eintrittskarten und machte Führungen durchs Gaußzimmer. Sie selbst ging an jedem Wochenende zu Fuß hinauf zum Hohen Hagen. Gestorben ist sie am 22. Mai 1950. „Einige Tage vorher hatte sie noch ihren Dienst versehen“, meint Rehkop beeindruckt.

Der an einer sehr exponierten Stelle erbaute Gaußturm musste im Laufe der Zeit Beschädigungen durch Witterungseinflüsse (Wind, Regen) und den zweiten Weltkrieg hinnehmen. Am stärksten wurde er aber durch den benachbarten intensiv betriebenen Bergbau beeinträchtigt, da die Abbaugrenze immer näher rückte.

In den Wochen nach schweren Sprengungen am 19. und 20. Oktober 1961 hatten sich in der Wiese rund um den Turm sowie in dem Bauwerk selbst immer tiefere Risse gebildet. Der ganze Bereich drohte in den Steinbruch abzurutschen. Die Behörden untersagten daher 1962 das Betreten des Grundstücks. Um die Büste, aber auch die Ausstellungsstücke aus der ebenfalls im Turm befindlichen Gaußsammlung zu bergen, mussten die Mündener Pioniere anrücken. Nachts, als unten im Steinbruch der Betrieb ruhte, machten sich die Soldaten bei Scheinwerferlicht an die Arbeit. „Damals sind wir mit dem Kran des Panzers durch das Seitenfenster eingedrungen und haben erstmal die Gaußbüste drangehängt“, erinnert sich Rehkop. Auf dem gleichen Weg retteten die Soldaten Nachbildungen gaußscher Erfindungen sowie Bilder, die im Ausstellungsraum gezeigt wurden. Rehkop selbst bestieg den einsturzgefährdeten Turm, um die Panoramatafeln abzumontieren. Am 14. November 1963 stürzte der Turm schließlich ein.

Der Verschönerungsverein e.V. verklagte daraufhin das Basaltwerk und führte lange Prozesse um „seinen Turm". Als Ersatz, zu dem das Basaltwerk durch Gerichtsbeschluss verpflichtet wurde, entstand ein knappes Jahr später an anderem Standort ein Stahlbetonbauwerk mit einer Höhe von 51 m.