Dienstag, 24. September 2013

Die Quarmühle

Die Quarmühle bei Habighorst gibt es heute nicht mehr, und ihre Geschichte müsste eigentlich in zwei Teilen erzählt werden, denn es gab eine alte und eine neue Quarmühle.

Fangen wir also mit der alten Quarmühle an. Diese Mühle gehörte zum Rittergut Habighorst, und wurde bereits 1438 im Schatzregister der Großvoigtei Celle erwähnt. Der Name Quarmühle - so erfährt man aus dem Buch „Niedersächsische Mühlengeschichte“ von Wilhelm Kleeberg - ist abgeleitet von Querne, und der Müller wurde auch als „de Quernemoller“ bezeichnet.

Postkarte aus den 1950er Jahren

Auf der Internetseite der Samtgemeinde Eschede erfährt man weitere interessante Details: Die Quarmühle war ursprünglich eine Getreidemühle, die vom Quarmbach angetrieben wurde. Sie stand etwa 500 Meter vor der Mündung des Quarmbaches in die Aschau bei Habighorst. Dort, wo sich heute Teiche befinden, ist wohl schon vor Jahrhunderten das Wasser für den Betrieb der kleinen Mühle aufgestaut worden. Die Chronik über die Flohrmühle Eschede von Dirk Leune beinhaltet darüber hinaus die Information, dass die Quarmühle schon während des Dreißigjährigen Krieges eingegangen war. Erst Jahrzehnte später wurde sie durch Initiative des Rittergutsbesitzers Georg Ernst von Melville wieder aufgebaut.  Ein Inventarium aus dem Jahr 1812 erwähnt, dass die Quarmühle nur noch den Namen einer Mühle trage und sich ein Mehlkasten aus alter Zeit in ihr befinde. Bis 1870 soll sie noch als altes, windschiefes Häuschen gestanden haben, dann wurde sie abgetragen. Für einige Jahrzehnte waren dann nur noch die Steine des Gebäudes am Ufer des Quarmbaches zu erkennen. Damit endet die Geschichte der alten Quarmühle, und die der neuen beginnt.

Hierzu findet man auf der Internetseite der Samtgemeinde Eschede einen sehr interessanten und umfangreichen Bericht, an den ich mich im Folgenden anlehne.

Anfang der 1930er Jahre entstand durch die Initiative des damaligen Rittergutbesitzers Wilhelm Thies an der Reichschaussee 191 die neue Quarmühle als Badeanstalt. Über diese berichtet der Redakteur August Pohl in der Celleschen Zeitung vom 1. Juli 1932 folgendes:

Rechter Hand der Straße, wenige Kilometer vor Eschede, ist nun in aller Stille ein Plätzchen entstanden, das die entzückendsten landschaftlichen Reize offenbart. Unter Aufwendung erheblicher Mittel ist dort von dem Besitzer des Geländes ein Bad angelegt, das infolge seiner praktischen Einrichtung und seiner Anpassung an die Umgebung als eine Sehenswürdigkeit anzusprechen ist. Die Anlage zerfällt in mehrere Abteilungen für Schwimmer und Nichtschwimmer. Die große Teichfläche gestattet einen ausgedehnten Rudersport. Auf einer Anhöhe ist das Wirtschaftsgebäude errichtet. Vom First grüßen die charakteristischen Pferdeköpfe. Von der dem Hause vorgebauten Veranda öffnet sich ein freier Blick über die großzügige Anlage. Verschiedene Ruhebänke sind aufgestellt, von ihrem Standort aus ist die weite Flur zu übersehen. Am Hange vor der Veranda ist ein Steingarten im Entstehen begriffen. Am Wasser befinden sich die Ankleideräume. An das Hauptwasserbecken, durch Dämme getrennt, schließen sich mehrere für Badezwecke nicht freigegebene Fischteiche. […]
An passender Stelle ist auch ein Sonnenbad im Freien errichtet und endlich hat man auch für die übliche "Verlobungsbank" bereits den Platz festgelegt.
Die Neuanlage an der Straße wird demnächst sicherlich ein bevorzugtes Ziel den Wanderern und Ausflüglern werden. Alles, was die Natur zu bieten vermag, ist dort in verschwenderischer Fülle vorhanden.



Rund zwei Wochen später erschien die Eröffnungsanzeige in der Celleschen Zeitung. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Familienbad zu einem beliebten Ausflugslokal, das bis 1945 vom Habighorster Gut aus als Familienbetrieb bewirtschaftet wurde.

Die Quarmühle war ein beliebtes Ausflugsziel und beherbergte Persönlichkeiten wie den niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf, die bekannte Pilotin Elly Beinhorn oder den Rennfahrer Bernd Rosemeyer. Auch nach dem Krieg und unter verschiedenen Pächtern blieb die Quarmühle beliebt und gern besucht.


Heute finden sich nur noch die alten Fundamente zwischen den Bäumen
(Bild unten gleicher Standpunkt wie auf der Postkarte oben rechts)


In den 1960er Jahren wurde das Gebäude von Henning Thies, dem Erben des Rittergutes in Habighorst und damit auch der Quarmühle, aufwändig renoviert. Meta Thies, seine Ehefrau, wollte mit der Quarmühle nun selber Geld verdienen. Auf der Rückseite einer farbigen Werbepostkarte, die Tret- und Segelboote vor der Kulisse des Ausflugslokals zeigt, hieß es:

    "Landhaus Quarmühle"
    - das schöne Ziel -
    - Erstklassige Küche mit vielen Wild- und Fischspezialitäten
    - Tret- und Ruderboote
    - Reiten - Jagen - Fischen
    - Für unsere kleinen Gäste Mini-Scooter
    - Heidschnuckengehege
    - Naturlehrpfad - Wacholderhain, herrliche Wanderwege
    - Tagungsräume für Festlichkeiten aller Art
    - Spezialverkauf von Räucheraal, Bauernschinken, Katenrauchmettwurst, Heide-
      und Wabenhonig

    Landhaus Quarmühle
    Hotel und Restaurant
    Inh. M. Thies
    3101 Habighorst (Celle-Eschede)
    an der B 191
    Ruf (0 51 42) 3 28

Postkarte (vermutlich aus den frühen 1970er Jahren)
weitere Aufnahmen aus der Quarmühle

Aus dieser Zeit stammt auch folgende Aufzeichnung von Ilse Brandt (aus „Petticoat und Pferdeschwanz - Bodenteicher Tagebücher 1956-1964“):

[…] Wir beschlossen dann, eine Fahrt ins Blaue zu machen. Ich spielte während der Fahrt auf meiner Mundharmonika und wir waren eine glückliche Familie. In der Quarmühle gab es ein prachtvolles Mittagessen: Vati und Mutti hatten Rumpsteak mit Salat und ich Hühnerfrikassee mit Mohrrübengemüse, danach Eis. 4 Mark für jeden war wirklich preiswert für diese großen Portionen. […]

Dass die Quarmühle damals gern angesteuert wurde, belegt auch diese Notiz aus der „Deutsche Milchhandels- und Feinkost Zeitung“ von 1971:

[…] Die Fahrt ging weiter zur „Quarmühle", inmitten reizvoller Moor- und Heidelandschaft, wo in kleiner, aber gemütlicher Kaffeerunde ein froher Ausklang dieses Tages und der DLG- Prüfung gegeben war. […]


Noch in den 1970er Jahren lockten Boote aufs Wasser. Im Februar 1975 wurde die Quarmühle an Bernd Kleine aus Bad Lippspringe verkauft. Kurz darauf wurden aus Unachtsamkeit die Staudämme im Quarmbach zerstört, die Wehranlage kippte um und der Quarmbach konnte ungehindert durch den großen Teich fließen. Die einst große Wasserfläche war damit verschwunden und der Teich verkrautete. Die Arbeiten am Bau eines neuen Wehrs zogen sich in die Länge.

Hier fuhren früher die Tret- und Segelboote

Letzte Überbleibsel des Bootsstegs
 

1977 wurde die Quarmühle dann erneut verkauft. Neuer Eigentümer war der niederländische Hotelier Bernard Gierveld. Er hatte große Pläne:  An der Quarmühle sollte ein Freizeitpark mit Ferienwohnungen entstehen. Das Lokal verpachtete er für fünf Jahre an Roman Stempnewitz. Aus Giervelds Freizeitpark-Plänen wurde allerdings nichts, denn die Bezirksregierung Lüneburg lehnte sie ab. Stempnewitz wollte die Quarmühle1982 von Gierveld kaufen, da er viel Geld in die Renovierung gesteckt hatte. Eine Einigung über den Preis kam aber nicht zustande. Daraufhin ging Stempnewitz im Mai 1982 und nahm seine Einrichtung mit. Das Haus stand jetzt leer.
In der Nacht auf den 6. Dezember 1982 wurde die Quarmühle völlig verwüstet. Sämtliche Fenster wurden eingeschlagen, Fensterflügel herausgerissen und alles zertrümmert, was nicht niet- und nagelfest war. Schon Wochen zuvor war die Eingangstür aufgebrochen worden. Trotz einer ausgesetzten Belohnung gingen bei der Polizei keine brauchbaren Hinweise auf den oder die Täter ein. Gierveld unternahm nichts zur Wiederherstellung des einst beliebten Restaurants. Verhandlungen mit einem potenziellen Käufer scheiterten erneut am Preis.


Die Treppe, über die man einst zum See gelangte, führt heute ins Nichts

Weitere Fundamente - die Kellerräume wurden zugeschüttet



Zugeschütteter Kellerraum und Reste einer Eisentür

Wenig später kam dann das Ende. Am 28. Juli 1983 abends stand die Quarmühle in Flammen. Exakt um 22.59 Uhr wurden die Feuerwehren in Habighorst und Eschede alarmiert, die jedoch ein weitgehendes Niederbrennen des Gebäudes nicht verhindern konnten. Die Reste wurden später zusammengeschoben und abgefahren. Heute existieren nur noch ein paar Fundamente - und in den Köpfen einstiger Besucher aus nah und fern viele Erinnerungen an die schöne Quarmühle.

Den vollständigen Text zur Quarmühle auf der Internetseite der Samtgemeinde Eschede findet man hier: Die Quarmühle: quargemühlt - wohlgefühlt.

Die Natur erobert Stück für Stück der Gebäudereste zurück

Ein Pumpenhaus?

Der ehemalige Parkplatz mit dem noch erhaltenen Hinweisschild zum Wacholderhain

Quellen: wie angegeben, Fotos: eigene (Mai 2012)