Mittwoch, 24. März 2010

Die American Star vor Fuerteventura


Am 31. Dezember 1993 trat die American Star ihre letzte Fahrt an. Zuvor wurde der Liner für zwei Millionen Dollar an die Chaophraya Developement Transport Company verkauft, welche dem Schiff seinen letzten Namen gab. Es wurde trockengelegt und es wurde festgestellt, dass der Schiffsrumpf in einem, den Umständen entsprechend, guten Zustand war. Nun sollte der Ozeanriese zu einem schwimmenden Hotel vor der Insel Phuket in Thailand umfunktioniert werden. Der ukrainische Schlepper Neftegaz 67 sollte die American Star von Eleusis nach Thailand ziehen, kehrte jedoch bereits einen Tag nach Start der Reise wieder in den Hafen zurück, da ein starker Sturm die Fahrt verhinderte. Es folgte bald der zweite Versuch...

Am 15. Januar 1994 geriet der Schleppverband vor den Kanarischen Inseln in einen Sturm der Windstärke 11 bis 12. Die Schlepptrossen, mit denen der Liner gezogen wurde, hielten diesen Naturgewalten nicht stand und rissen. Der Versuch, die Schleppseile wieder festzumachen, scheiterte und so trieb die American Star manövrierunfähig auf die Küste Fuerteventuras zu, wo sie zwei Tage nach dem Unglück auf dem abgelegenen Strand Playa de Garcey zwischen La Pared und Ajuy strandete. Zuvor wurden die vier Crew-Mitglieder, die sich noch auf dem Schiff befanden, per Hubschrauber gerettet. Das Schiff lag nur mit dem vorderen Teil auf der Sandbank auf, das gesamte Heck hing jedoch über dem Meeresgrund. Die starke Brandung mit bis zu 10 Meter hohen Wellen, ausgelöst durch den Sturm, bewirkte nun, dass die American Star innerhalb der ersten 48 Stunden an ihrer schwächsten Stelle im Bereich der Aufzüge und des Treppenhauses hinter dem Schornstein in zwei Teile brach. Das Heck wurde so ebenfalls auf die Sandbank gedrückt und blieb in einer vergleichsweise stabilen Lage. Einheimische machten sich in Folge auf, alles, was auf dem Schiff noch einen Wert hatte, mit Booten zu plündern. Bei den zahlreichen Versuchen, das Schiff zu erklimmen, haben aufgrund der Gefahren, die das Wrack birgt, und auch wegen gefährlicher Strömungen, bereits etliche Personen ihr Leben verloren.

Der vordere Teil ist bis Ende März 2007 erhalten geblieben, das Heck kippte jedoch bereits innerhalb von zwei Jahren nach dem Unfall zur Backbordseite und wurde größtenteils durch Umwelteinflüsse zerstört. Teile davon sind noch im Sand zu erkennen, soweit sie nicht durch die zahlreichen Besucher, die zum Wrack kamen, entwendet wurden. Auf Luft- und Satellitenaufnahmen kann man bei ruhiger See noch heute sehr gut die Umrisse des Hecks im Sand erkennen. Am 6. Juli 1994 wurde das Schiff zum Totalverlust erklärt und der Natur überlassen. Die Versicherungssumme wurde an die Chaophraya Developement Transport Company ausbezahlt. Es gibt Gerüchte, dass es sich bei dem Ganzen um einen Versicherungsbetrug handele, jedoch gibt es dafür keine Beweise.



Verfall des Wracks


Der Bugteil des Schiffs hielt rein äußerlich betrachtet bis Ende 2005, also über 11 Jahre lang, den Umwelteinflüssen stand. Bis zu diesem Zeitpunkt deuteten lediglich Verfallserscheinungen entlang der Wasserlinie und an der Bruchstelle zum Heck auf den zu erwartenden vollständigen Zerfall hin, verursacht durch Korrosion und die Ermüdung des Materials durch die ständig anbrandenden Wellen, insbesondere während der Winterstürme.

In der Nacht vom 3. auf den 4. November 2005 neigte sich das verbliebene Bugteil jedoch um 30 Grad nach Backbord (also zur Seeseite). Die Ursachen dafür waren einerseits der Bruch zweier stabiler Stützen im ehemaligen Maschinenraum unterhalb des Hauptschornsteins und andererseits die weit fortgeschrittene Zerstörung der Beplankung entlang der Wasserlinie auf der Backbordseite des Wracks. Einige Wochen hielt der Rumpf den Spannungen der neuen Lage stand, zwischen dem 12. November und dem 15. November brachen jedoch weite Teile des Wracks in sich zusammen, mit ihnen auch der Hauptschornstein.

Durch die Schräglage schlugen die Wellen bei schwerem Seegang, welcher vor allem auf der Westküste des Öfteren vorherrscht, bereits vollständig über das Wrack hinweg. Trotzdem hielt das Schiff vorläufig den Naturgewalten stand und änderte seine Lage bis Ende Januar 2006 nicht markant.


Zwischen Januar und Februar 2006 wurde das noch verbliebene Vorschiff um einiges kürzer, da die einschlagenden Wellen viel Schaden am achteren (hinteren) Rand des Wracks anrichteten. Auch der Schaden an der Backbordseite nahm mit jedem Tag zu; der linke Brückenflügel wurde innerhalb kurzer Zeit vollständig abgerissen. Die nach der Neigung überhängende, landseitige Steuerbordwand wurde gewaltsam verbogen und zum Teil abgerissen. Am Neigungswinkel änderte sich allerdings zunächst nicht viel.

Gegen Ende Februar rutschten die Aufbauten an der Bruchstelle des Wracks Richtung Meerseite ab und zogen die ohnehin instabile Schiffsstruktur weiter. Zwischen dem März und April 2006 neigte sich das verbliebene Vorschiff weiter. Inzwischen lag das Oberdeck des Schiffes direkt auf Meereshöhe. Es zeigten sich weitere Zerstörungen – der Vormast war komplett verschwunden und auch der Bereich um den Stumpf des vorderen ehemaligen Schornsteins herum wurde weggeschwemmt. Die Wellen konnten nun die Aufbauten der Backbordseite direkt angreifen.

Zwischen dem 6. und 11. September gab der vordere ehemalige Schornstein den Gewalten des Meeres nach und riss samt dem Unterbau und etlichen Deckaufbauten, die sich wegen der Schräglage an ihm gefangen hatten, vom Deck ab.
Ende November des Jahres 2006, also mehr als ein Jahr, nachdem der Bugteil seine stabile Lage verloren hatte, war der Großteil der Deckaufbauten des Wracks verschwunden. Lediglich das Deck selbst war Anfang Dezember noch vorhanden. Während die Backbordseite bereits bis zu den vorderen Masten abgetragen worden war, befand sich die Steuerbordseite des Rumpfes noch in relativ gutem Zustand. Der wahre Zustand des Wracks, der fassadenhafte Charakter der Steuerbordseite ließ sich von Land nur dann erahnen, wenn Wasserfontänen durch ihre Luken spritzten.

In den folgenden Monaten ging der Verfall der Backbord-Außenwand weiter. Im Februar 2007 lag das Schiff mit der Backbordseite schon vollständig im Wasser.
Seit Ende März 2007 ist das Wrack fast vollständig untergegangen, man erkennt nur noch kleinste Teile des Schiffs.


Anfang November 2007 ragten nur noch zwei Teile des mittlerweile in drei Teile zerbrochenen Vorschiffs aus dem Wasser. Am 22. November 2007 sind lediglich Fragmente des einstigen Liners kurz über der Wasseroberfläche zu erkennen, die SS America ist somit Geschichte.


Rückblick

Sie war von Anfang an ein stolzes Schiff, die SS America, die im August 1939 vom Stapel lief, als seinerzeit weltgrößte "Königin der Luxus-Liner" mit einer Länge von rund 220 m für weit mehr als 1.000 Passagiere.

Zum Kriegsdienst wurde sie 1941 von der US Navy eingezogen, in USS Westpoint umbenannt und tätig natürlich ebenfalls als größter Truppentransporter.
Von 1946 bis Ende der siebziger Jahre war sie anschließend unter verschiedenen Namen im Einsatz: Wieder wie vorher unter altem Namen SS America fast zwei Jahrzehnte lang und danach noch einmal mehr als ein Jahrzehnt als SS Australis im Dienste der Chandris Lines. Hier kam es auch im Jahre 1970 zu einem Zwischenfall, als bei der 26. Reise des Schiffes ein Feuer an Bord ausbrach.

Von den achtziger Jahren an ging es dann bergab mit ihr: Als Italis, Noga und schließlich noch einmal fast ein Jahrzehnt lang als Alferdoss vollzog sich der Verfall des einst stolzen Schiffs. Erst im Jahre 1993 schließlich erhielt sie ihren letzten Namen, der für ihre letzte Fahrt, ihr trauriges Ende und ein weiteres Jahrzehnt als Geisterschiff an der Playa de Garcey stand: American Star.

Hier gibt es eine sehr interessante und detaillierte Webseite zur tragischen Geschichte der SS America bzw. American Star.


Quellen u.a.: www.explorermagazin.de; http://de.academic.ru; http://recurriendoalpasado.blogspot.com;