Freitag, 5. März 2010

Das Wasserschloss in Deutsch Karstnitz

Weit über Deutsch Karstnitz hinaus berühmt ist das im 18. Jahrhundert als Wasserschloss errichtete mehrflügelige Gutshaus, das in einem Wald- und Wiesengelände auf einer Insel gebaut wurde.

Schloss Karstnitz im April 2006 | Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu
[Link zum Originalbild]
"Auf der einen Seite hat der Karstnitzbach einen breiten See gebildet, und das Wasser zieht sich als Kanal um die Anlage, die über zwei Brücken zugänglich ist" heißt es bei S. Sieber [E. v. Puttkamer, Geschichte des Geschlechts v. Puttkamer].
Mehrere Generationen der Familie von Puttkamer lebten hier als Herren über den 966 Hektar großen Gutsbesitz. Daniel Dietrich von Hebron zu Damnitz verkaufte Karstnitz 1686 an Georg Lorenz von Puttkamer als neues Lehen auch für seine Nachkommen, und es blieb 259 Jahre in ihrem Besitz. Nächster Gutsherr wurde Bogislaw Ulrich von Puttkamer, Landrat zu Stolp, der das Gut 1714 von seinem Vater übernahm.

Das Wasserschloß Deutsch-Karstnitz
(Link zum Originalbild)


Im 19. Jahrhundert saß auf beiden Gütern (Karstnitz sowie das Nebengut Benzin) Wilhelm von Puttkamer, unter dem das Schloss bedeutend vergrößert und der vordere Flügel ausgebaut wurde. Sein Sohn Anselm hatte keine Söhne und überließ deshalb den Besitz 1865 seinem Bruder Henning. Als dessen Sohn Ulrich 1908 den väterlichen Besitz übernahm, verlegte er die Wirtschaftsgebäude und schuf ausgedehnte Parkanlagen. "Er war ein humanistisch gebildeter Mann und ein würdiger Repräsentant der Familie auf ihren beiden durch die schlossartigen Häuser hervorragenden Besitzen" (E. v. Puttkamer).

Von der schönen Inneneinrichtung des Schlosses sind vor allem die wertvollen Porzellane und vier lebensgroße Portraits von Antoine Pesne zu erwähnen. Sie stellten Friedrich Wilhelm I., seine Gemahlin Dorothea, den Staatsminister von Thulemeyer und seine Gemahlin dar.
Das Schloss prangte in reichstem Schmuck, als es die Kaiserin und Königin Auguste Victoria im Jahre 1910 besuchte. Im Sommer 1939 fand hier der letzte Familientag der Puttkamers statt.

Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zu den Originalbildern]
Der Ort Deutsch Karstnitz zählte 1905 225 Einwohner. Ihre Zahl stieg bis 1933 auf 562 und betrug 1939 noch 532. Bis 1945 war er eine Landgemeinde im Landkreis Stolp im Regierungsbezirk Köslin der preußischen Provinz Pommern und war in den Amts-, Standesamts- und Gendarmeriebezirk Hebrondamnitz eingegliedert.

Ulrich von Puttkamer starb am 16. März 1942. Sein Sohn Bogislaw siedelte 1942 nach Karstnitz über. Im Jahre 1938 hatte das Rittergut 542 ha Ackerland, 14 ha Wiesen, 23 ha Weiden, 347 ha Holzungen, 37 ha Umland, Hofraum und Wege, 3 ha Wasserflächen sowie einen Viehbestand von 46 Pferden, 190 Stück Rindvieh, 600 Schafen und 300 Schweinen. Die gesamte Gemeindefläche gehörte zum Gut.

Als im März 1945 die Russen kamen, machte sich die Gemeinde Karstnitz auf die Flucht, ohne dass ein Räumungsbefehl vorlag. Der Treck brach am 8. März auf und zog über Labehn, Rexin in Richtung auf die Danziger Bucht. Er wurde jedoch von den Russen überrollt und die Bewohner kehrten wieder nach Hause zurück.

Idyllisch liegt das alte Schloß am Ufer das Wassergrabens

Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Gutsbesitzer Bogislaw von Puttkamer befand sich als Soldat in der Tschechoslowakei im Einsatz und geriet in Bayern in amerikanische Gefangenschaft. Seiner Familie gelang die Flucht über die Ostsee.
Die Russen besetzten Karstnitz am 8. März mit motorisierten Verbänden. Am folgenden Tag ging die 90 Meter lange Scheune auf dem Vorwerk Grünhof in Flammen auf. Karstnitz wurde erst im Oktober 1951 von den Russen aufgegeben und den Polen überlassen.

Seit 1945 gehört der jetzt Karzniczka genannte Ort zu Polen und ist ein Teil der Gmina Damnica im Powiat Slupski in der Woiwodschaft Pommern (bis 1998 Woiwodschaft Stolp).

Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Deutschen ging das Schloss in das Eigentum des polnischen Staates über. Zuerst war hier eine Schule, dann eine landwirtschaftliche Beratungsstelle untergebracht. In den 1950er Jahren wurde das Schloss unter Denkmalschutz gestellt. Unterschiedliche Investoren übernahmen das Anwesen nach 1990, unternahmen aber zu wenig, um das Gebäude zu sanieren und einem neuen Nutzungszweck zuzuführen.

Gutsbesitzer Bogislaw von Puttkamer hat in Ratzeburg eine neue Heimat gefunden und ist 1974 in Lübeck gestorben.

Foto: Czarek Maruszak - astra28.eu  [Link zum Originalbild]
Am 5. November 2009 zerstörte ein Feuer - ausgelöst wohl durch Brandstiftung - das Schloss. Dach und Dachgeschoss waren nicht mehr zu retten. Der Sachschaden wurde auf etwa 500.000 € geschätzt. Über die weitere Zukunft des Gebäudes muss noch entschieden werden.

Die polnische Zeitung Glos Pomorza berichtete in ihrer Online-Ausgabe unter www.gp24.pl am 5. November 2009 vom Brand des Schlosses in Deutsch Karstnitz (Karzniczka). Robert Kupisinski vom Mittelpommerschen Museum in Stolp lieferte die folgende deutsche Übersetzung des Artikels:

Brand des Schlosses in Deutsch Karstnitz, wahrscheinlich durch Brandstiftung. Die Schäden werden auf 2 Mio. Zloty geschätzt.

Der Brand ist gegen 1 Uhr nachts ausgebrochen und erfasste binnen 20 Minuten das gesamte Dach. Er ist so schnell vor sich gegangen, dass das Feuer gelegt worden sein musste, beurteilt der Bürgermeister des Dorfes Krzysztof Kosidlak. Das zur Zeit renovierte Schloss wurde nicht bewohnt. Gegen das Feuer kämpften ein paar Stunden lang 6 Feuerwehrmannschaften.

Dach und Dachgeschoss waren nicht mehr zu retten. Die durchgebrannten Deckenbalken stürzten in die darunter liegenden Stockwerke, indem sie die Trennwände zertrümmerten. Das Feuer vernichtete auch die gewaltige Eiche, die neben dem Schloss wuchs. Die Feuerwehrleute waren am Morgen immer noch damit beschäftigt, die Brandherde zu löschen.

Wie der Bürgermeister sind auch sie der Meinung, dass es sich um Brandstiftung handelt, denn Feuer bricht selten im Dachboden aus. Die Einwohner von Karstnitz sagen, dass an dem Tage zuvor ein Fremder mit einem Jeep in das Dorf kam und um das Schloss herumstrich. Die Einwohner machen dafür die staatlichen Behörden und die folgenden Besitzer des einst schönen, historischen Bauwerks verantwortlich.

Das auf einer Insel, im Überschwemmungsgebiet des Flusses Karstnitz gelegene Bauwerk wurde im 18. Jh. von denen v. Puttkamer als Wasserschloss gebaut. Vor 27 Jahren habe ich im Schloss meine Hochzeit gefeiert, damals hat es wunderschön ausgesehen - sagt Zbigniew Gerula aus Karzin.

Der Verfall begann in den 90er Jahren, als das Bauwerk Eigentum der Gemeinde Damnitz und von ihr weiter in private Hände verkauft wurde. Die folgenden Besitzer brachten die Ausstattung weg, fällten Bäume im Park oder begannen mit Sanierungsarbeiten, die nicht beendet wurden. Zu einer Generalüberholung hat sich der derzeitige Besitzer, die Nex-Bud-Gesellschaft aus Orzel, in der Umgebung von Wejherowo entschlossen. Die Renovierung wurde vom Denkmalpflegeamt bewilligt.

Der rechte Flügel, der Turm und ein Teil des Daches wurden abgebaut. Es wurde geplant, im Schloss ein Schulungszentrum einzurichten. Aus dem Plan wurde nichts, denn die Banken wollten der Gesellschaft keine Kredite geben. Im Mai hatte der Präsident der Gesellschaft offen von der Absicht das Schloss zu verkaufen gesprochen. Seit ein paar Monaten passierte hier nichts. Das Schloss wurde nicht einmal bewacht, sagt Bürgermeister Krzysztof Kosidlak.

Der Stolper Denkmalpfleger Zdzislaw Daczkowski fühlt sich nicht schuldig. Das Schloss sei ein Baudenkmal, aber auf das Vorgehen der Besitzer habe er keinen Einfluss. Als Nex-Bud die Renovierung einstellte, haben wir eine Anweisung erteilt, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, und diese wurden teilweise durchgeführt - sagt Daczkowski. Einen Fehler hat die Selbstverwaltung der Gemeinde Damnitz begangen, und zwar als sie beim Verkauf des Schlosses versäumte, in der Notarurkunde festschreiben zu lassen, dass es im Falle von Verwahrlosung dem neuen Besitzer weggenommen werden kann.

Kommt es nun zum Abriss des Schlosses? Daczkowski: Es ist möglich, wenn das Kulturministerium die Streichung aus dem Verzeichnis der Baudenkmäler genehmigt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Besitzer sich darum bemühen wird. Der Präsident der Nex-Bud-Gesellschaft Wojciech Kurowski war gestern nicht zu erreichen. Für wen war das Abbrennen des Schlosses wichtig? Das will die Staatsanwaltschaft jetzt ermitteln.

Update

Im Mai 2012 brach erneut ein Feuer in den Überresten des Schlosses aus, diesmal wohl im Turm, der das erste Feuer von 2009 noch relativ unbeschadet überstanden hatte. Dieses zweite Feuer zerstörte auch noch die letzten Reste des einst so stolzen Gebäudes. An einen Wiederaufbau ist nun nicht mehr zu denken. Da die Brandruine nicht abgesperrt ist, finden laufend weitere Zerstörungen statt - so wurden sogar schon Ziegelsteine entwendet.

Die Ruinen des Schlosses im Jahr 2012
(Link zum Originalfoto)

Es ist wohl traurige Tatsache, dass von dem Puttkamer'schen Wasserschloß schon bald nichts mehr übrig sein wird...

Hier ein Link zur Internetseite des Stolper Heimatkreises mit der Übersetzung des Zeitungsartikels zum Brand von 2012.


Quelle u.a.: Wikipedia; www.stolp.de/332.html?file=tl_files/Dokumente/Dokumente...Pagel...; Fotos: wie angegeben. Vielen Dank an dieser Stelle an Czarek Maruszak (www.astra28.eu) für die Erlaubnis zur Abbildung seiner am 30. April 2006 gemachten Fotos!