Freitag, 1. Januar 2016

Der Niedersachsenstein

Der Niedersachsenstein auf dem Worpsweder Weyerberg ist kein klassischer Lostplace, denn das 1922 fertiggestellte Denkmal existiert in nahezu ursprünglicher Form noch heute.

Der Niedersachsenstein im September 2015

Allerdings kann man wohl behaupten, dass es sich bei diesem Denkmal um einen zumindest fast vergessenen Ort handelt. Bei unserem Besuch im September 2015 hatten wir jedenfalls einige Mühe überhaupt dorthin zu gelangen. Eine Ausschilderung sucht man vergebens, und wenn man nicht stunden- bzw. kilometerlang umherwandern möchte, ist man auf Auskünfte Ortskundiger angewiesen. Zur Zeit seiner Entstehung war der Niedersachsenstein an seinem Standort auf der Spitze des Weyerbergs von weither zu sehen. Heute jedoch steht er gut versteckt inmitten eines dichten Waldes.

Der Niedersachsenstein als Postkartenmotiv
Der Niedersachsenstein kurz nach der Fertigstellung 1922
Der Niedersachsenstein kurz nach der Fertigstellung 1922


Zur Entstehungsgeschichte des Denkmals lohnt sich die Lektüre eines Aufsatzes von Dietrich Schubert mit dem Titel „Die Wandlung eines expressionistischen Krieger-Denkmals: Bernhard Hoetgers Niedersachsenstein 1915-1922“. Aus diesem Aufsatz zitiere ich nun im folgenden. 

Das Denkmal aus rötlichen Ziegelsteinen, wie es ausgeführt wurde und wie es sich heute präsentiert, ist 15 m hoch. Der Hauptteil erhebt sich über einem sockelartigen Unterbau, der nach rechts und links ausgezogen ist, um Treppen bilden zu können. Der Hauptteil, der aufragt, zeigt ein polymorphes Wesen, keine Menschengestalt, keine Zaubergestalt eines Mythos, am ehesten vergleichbar einem riesigen fremdartigen Vogel, der seine Flügel vom Körper weg zur Seite hält. Dieser Hauptteil erhebt sich über dem Sockel, ist aber unten durchgehbar, d.h. von den seitlich ausgezogenen Plattformen kann der Besucher das Monument im unteren Teil durchschreiten. Der Unterbau ist nach Westen hin kubisch verstärkt, um eine Fläche für die Inschrift, für die nötige Konnotation zu tragen: «NIEDERSACHSENSTEIN»; darunter in zwei Zeilen der Satz aus dem Evangelium des Johannes, Kap. 15, Vers 13: «Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lasset für seine Freunde». Ursprünglich war die Kuppe des Weyerberges nur von Gras bewachsen, so daß das Denkmal in allen Einzelheiten gut sichtbar wirkte. Um das Monument herum bildete Hoetger nämlich einen Ring von Findlingen, mehr oder weniger runden Steinen, von denen jeder für einen Gefallenen steht, indem er die Buchstaben der Heimatgemeinde, den Namen des Gefallenen, das Datum des Kriegstodes, ein Kreuzchen und die Abkürzung des Landes, in dem er fiel, trägt. Insgesamt finden wir 173 Totensteine. Bei der Einweihung und bei Feiern trugen diese Steine die Trauerkränze der Hinterbliebenen, wie alte Fotos dokumentieren können.

Wie Hoetger auf Anfrage selbst schrieb, handelt es sich bei der Hauptform des Monuments um
einen „Vogel, der die Flügel ausbreitet und sich zur Sonne erhebt“. Die gegenüber den zackigen Formen des Leibes und des Kopfes flacheren Flügel tragen in feinem Ziegelsteinrelief, teppichhaft gemustert, auf beiden Seiten symbolische Formen: auf der Schauseite nach Osten links ein Menschenpaar, also Mann und Weib, auf der rechten Seite eine Mutter mit Kind. Auf der Rückseite sind die allegorischen Zeichen weniger deutlich erkennbar, lediglich einen Krieger mit Lanze bzw. Gewehr kann man erkennen. Hoetger selbst sprach in dem erwähnten Text ferner von den Symbolen für die Sonne, den Mond und die Erde. [...]

Der erste Entwurf Hoetgers zum Niedersachsenstein war als Siegesmal konzipiert, denn:

Trotz der Katastrophe von Langemarck im Oktober 1914, in der Tausende junger Freiwilliger in Artillerie- und MG-Feuer liefen und sinnlos sterben mussten- von der Heeresberichterstattung jedoch nicht objektiv dargestellt -, sollte auf dem Worpsweder Weyerberg ein Heldenhain mit Siegesmal eingerichtet werden. [...] Das Kirchspiel Worpswede stellte den Weyerberg zur Verfügung und führte Geldsammlungen durch. [...]
Durch die Dauer des Krieges und die seit etwa 1916 einsetzende Wendung bei Intellektuellen und Arbeitern, in dem Krieg Wilhelms II. ein unmenschliches Völkermorden zu sehen, wurde die Errichtung des Niedersachsensteins verzögert. [...]


Hoetgers erster Entwurf für den Niedersachsenstein (1915)
[Bildquelle: Aufsatz von Dietrich Schubert, Abb. 5]

Dieses Umdenken setzte auch bei Hoetger ein und führte schließlich dazu, dass er den Entwurf für den Niedersachsenstein überarbeitete.

Bis Mai 1921 reichte Hoetger ein neues Modell ein, das zur endgültigen Form hinführte; es wurde in der Worpsweder Kunsthalle ausgestellt. Die Öffentlichkeit und die Presse waren nicht nur nicht begeistert, man griff die Entwürfe sogar an. [...] In einer Selbstdeutung vom 3. Mai 1921 schrieb Hoetger an die „Tägliche Rundschau“: Ich entwarf kein expressionistisches Denkmal, sondern ein nordisches Zeichen für die gefallenen Krieger. Das Denkmal ist der künstlerische Ausdruck meines Erlebens. [...]

Das Denkmal wurde in Ziegel bis September 1922 vollendet. Hoetger fand wenig Lob. An [seinen Mäzen] Roselius schreibt er am 3. Oktober 1922: Lieber Freund, man sagt sich viel über mein Denkmal aus. In den „Bremer Nachrichten“ ein unflätiger Artikel. Auch spricht man hier vom Kaffee-Hag-Denkmal, - nett, nicht wahr?
In der „Weser-Zeitung“ vom 5. November 1922 war zu lesen: Dieser Niedersachsenstein steht fremd und wirr wie ein lächerliches Zwing-Uri in der ruhigen Landschaft (Karl Neurath). [...] Am 9. Mai 1931 schrieb Schröder [Rudolf Schröder, Mitglied des Worpsweder Künstlerkreises] in der „Weser-Zeitung“: Der Niedersachsenstein hat sich als Backstein-Schichtung, als seitlich gelegener Wasserkopf auf dem geduldigen Rücken des Weyerberges eingefunden...

„Niemand hat grössere Liebe denn die, dass er sein Leben lasset für seine Freunde“


Hoetger hat im Niedersachsenstein ein künstlerisches Denkmal gestaltet; aber er wollte auch verhüten, dass der Weyerberg mit einem sogenannten Kriegerdenkmal verunziert werde, wie er im Mai 1931 an Roselius schrieb.
Hoetger feiert in seinem Mal die Ideen der Liebe (nach dem Evangelium des Johannes), der Auferstehung und des Lebens in Frieden. Als Toten- oder Kriegerdenkmal wird der Stein erst durch die 173 Findlinge im unteren Kreis deutlich, die die Namen der im Krieg Gefallenen tragen. [...] Es erscheint keine Waffe, kein Kriegssymbol, nicht das Eiserne Kreuz, kein Schwert - statt dessen verschmelzen die zackig gefiederten Formen des großen Vogelwesens Phönix bei Sonnenaufgang mit dem Licht, so dass über dem Ring der Totensteine sich das Mal tatsächlich, dem Auferstehungsgedanken adäquat, erhebt. [...]
Bei Hoetger steht das Relief des Soldaten (Kriegers) auf der Westseite, also zum Sonnenuntergang; aber zum neuen Morgen des Sonnenaufgangs sind die Reliefs des Menschenpaares und der Mutter mit Kind gerichtet. Damit hat Hoetgers Werk auf differenzierte Weise die Idee der Auferstehung und Hoffnung auf Frieden anschaulich wirksam gemacht.


Die Denkmalanlage als Postkartenmotiv
Eine weitere Luftaufnahme aus den 1930er Jahren

Soviel also aus dem Aufsatz von Dietrich Schubert zum Niedersachsenstein. Für mich ist es erstaunlich, dass dieses expressionistische Denkmal während der Nazizeit nicht zerstört wurde - obwohl Hoetger damals zu den „entarteten“ Künstlern gezählt wurde und obwohl seine plastischen Hauptwerke nach seiner Ächtung zerstört wurden. Umso erfreulicher also, dass dieses Denkmal noch heute existiert und mit seiner ungewöhnlichen Form und Größe zum Nachdenken anregt - wenn man es denn erst einmal gefunden hat ;-)


Initialen und Daten findet man auf vielen Ziegeln an dem Denkmal -
wie hier aus dem Juni 1927...

...oder hier aus dem Jahr 1935

Einer der 173 Findlinge am Niedersachsenstein

Die Rückseite des Denkmals


Quellen: Fotos eigene (September 2015) bzw. wie angegeben; Text: Aufsatz von Dietrich Schubert: „Die Wandlung eines expressionistischen Krieger-Denkmals: Bernhard Hoetgers Niedersachsenstein 1915-1922“