Freitag, 28. August 2015

Westerhorn - Das Toepffersche Gut

Westerhorn existiert schon lange nicht mehr. Heute erinnert nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Ehemals Westerhorn“, das direkt neben den Überresten eines verfallenen Gebäudes und mitten auf dem Truppenübungsplatz Munster steht, an diesen Ort. Doch die Geschichte Westerhorns, die mit der Besiedlung und Kultivierung der kargen Heideflächen vor über 100 Jahren begann, hätte auch ganz anders verlaufen können…

Die letzten Überreste von Westerhorn auf dem Truppenübungsplatz Munster
(Link zum Originalbild)


„Auf dem ehemaligen stillen Heidegebiet, welches unberührt in tiefer Einsamkeit lag, erheben sich heute weithin sichtbar eine Reihe Gebäude aus Eisenbeton, die land- und fortwirtschaftlichen Zwecken zu dienen bestimmt sind. Es ist in der Tat zu bewundern, was die Kraft eines einzelnen vermag, und wer jemals in die Nähe dieses Fleckchens Erde kommen sollte, der sollte nicht verfehlen, sich diese interessante Anlage näher anzusehen. Fern von allen menschlichen Wohnungen und abseits von dem Geräusche der Welt erheben sich hier als Zeichen rastlosen Schaffens stattliche Gebäude, nach der neuesten Bauweise ausgeführt, deren Zweck es ist, die Kultur in die Wüstenei zu tragen und Raum und Nahrung zu schaffen für künftige Geschlechter.“

Das hier von einem unbekannten Verfasser so blumig beschriebene Fleckchen Erde ist das von Richard Toepffer um 1900 aufgebaute Gut Westerhorn zwischen Lopau und Lintzel, bzw. Brockhöfe-Bahnhof.
Über Richard Toepffer erfährt man aus einer kleinen Biografie von Manfred Beckert folgendes: Toepffer wurde am 27. Mai 1840 in Stettin geboren (er starb am 19. Juni 1919 in Magdeburg).

Richard Toepffer
(Link zum Originalbild)

Schon in jungen Jahren interessierte er sich für die Landwirtschaft. Toepffer besuchte 1862 die Weltausstellung in London und informierte sich während seines Aufenthalts dort über das zu dieser Zeit gerade aufkommende landwirtschaftliche Maschinenwesen. Hier lernte er John Fowler, den Erfinder des Dampfpfluges, kennen und trat in die Dienste dessen Firma ein. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 bemühte sich Toepffer um die Einführung des Dampfpflügens in Deutschland. Mitte der 1890er Jahre übernahm Toepffer dann in Lopau einen alten Heidehof. Er baute das Anwesen in den folgenden Jahren zu einem 3.000 Morgen großen repräsentativen Landsitz aus, um dort die zu dieser Zeit modernste Landmaschinentechnik demonstrieren zu können. In diesem Zuge entstand Anfang 1900 auch das südlich von Lopau gelegene Gut Westerhorn.


Das Gut Westerhorn auf einer alten Karte
Aktuelles Luftbild

Alte Karte über das aktuelle Luftbild gelegt

Die einsame Lage „mitten im Nichts“ ließ den Bauherrn zu bis dato recht ungewöhnlichen Mitteln greifen: die Gebäude wurden zu einem großen Teil aus Stahlbeton gebaut und nicht, wie sonst zu dieser Zeit üblich, in Ziegelbauweise. Für die Heranschaffung der Baumaterialien ließ Toepffer sogar eigens eine Feldbahnstrecke vom Bahnhof Brockhöfe nach Westerhorn verlegen. Die Bauten wurden von der Firma Benhöfer aus Hanstedt bei Ebstorf ausgeführt.

Diese und die nachfolgenden Informationen  und Skizzen über Westerhorn habe ich zu einem Großteil Hermann Aevermann zu verdanken, dessen familiäre Wurzeln zum Teil in Lopau liegen. Er stellte mir dankenswerter Weise einen Bericht aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“ zur Verfügung. In diesem Band sind verschiedene Artikel und Aufsätze über Lopau und Westerhorn aus den Jahren von 1899 bis ca. 1907 gesammelt, die zuvor in Fachzeitschriften oder Zeitungen veröffentlicht waren. Die folgende Auflistung dieser Berichte verdeutlicht das damalige große Interesse an den Toepfferschen Unternehmungen und unterstreicht deren Bedeutung für die landwirtschaftliche Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts:

1. „Hannoversches Land- und Forstwirtschaftliches Vereinsblatt“ aus dem Jahre 1899; 2. Besuch vom „Landwirtschaftlichen Verein Rotenburg“ im Jahre 1899; 3. Bericht im „Vereinsblatt des Heide-Kulturvereins für Schleswig-Holstein“ von Oberförster Emels, Flensburg 1903 und 1909; 4. Bericht des Kgl. Amtsrat von Schneden in „Deutsche landwirtschaftliche Presse“ von 1900; 5. Besuchsbericht von Landwirtschaftsminister Freiherr von Hammerstein-Loxten vom 19. Mai 1900; 6. „Hannoversche Tagesnachrichten“ vom 27. Juni 1900; 7. Exkursion des „Landwirtschaftlichen Vereins Schneverdingen“  vom Juni 1903; 8. „Hamburger Fremdenblatt“ vom 4. Mai 1903; 9. Bericht von Dr. Fr. Giesberg, Berlin, in Lopau, vom Juni 1903: „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau“; 10. Beilage zu „Neueste Nachrichten Magdeburg“ vom 14. und 17. Juni 1903: „Ein deutscher Landwirt!“; 11. Fachblatt „Zement und Beton“, Berlin, von August 1903: „Eisenbetonbau im Dienste der Forst- und Landwirtschaft“; 12. Bericht vom K&K Oberverwalter Dipl. agr. L. Aher, Wien, 1905: „Lüneburger Heide! Deutsche Sahara!“;  13. Wirtschaftsberatung der „Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft für die Ökonomie in Westerhorn“.


Über die Baumaßnahmen auf dem Toepfferschen Gut Westerhorn erfährt man vom eingangs schon zitierten unbekannten Verfasser viele interessante Details. Ich vermute, dass es sich um den Bericht aus dem Fachblatt „Zement und Beton“ handelt, da hier unter anderem sehr detailliert über die Bauausführungen eingegangen wird. Ich beschränke mich im Folgenden aber auf die Beschreibung der Gebäude. So erfährt man über das wohl imposanteste Gebäude auf Gut Westerhorn, das Verwaltungsgebäude, folgendes:


Das Verwaltungsgebäude auf Gut Westerhorn
(Eigene Aufnahme, von der Infotafel in Lopau abfotografiert)
Diese Zeichnung ist ebenfalls von der Infotafel abfotografiert und nachbearbeitet

Das geräumige Verwaltungsgebäude, welches augenblicklich noch im Bau begriffen ist, ist sehr zweckentsprechend mit der Front nach dem großen Gutshof zu gelegen. Das Äußere desselben ist geschmackvoll gegliedert, wie auf unserem Bild 5 zu sehen ist. Der Grundriss dieses Gebäudes, den wir stockwerksweise in Bild 6 wiedergeben, zeigt, dass der Ausnutzung des Raumes besondere Aufmerksamkeit gewidmet ist. Das Gebäude wird nach Fertigstellung mit Zentralheizung versehen, welche im Kellergeschoss neben der Waschküche untergebracht ist. Es enthält außer einer geräumigen Inspektorwohnung, den Geschäftsräumen und einem Versammlungssaal einige Zimmer für die Herrschaft.


Abbildung 5 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“
Abbildung 6 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“

Dem Verwaltungsgebäude gegenüber befindet sich am anderen Ende des etwa 120 m langen Gutshofes das Arbeiterwohnhaus für die forst- und landwirtschaftlichen Arbeiter, dessen äußere Ansicht und Einteilung wir unseren Lesern in den Bildern 7 und 8 vorführen. Bei aller Einfachheit der Ausschmückung zeigt sich doch auch hier das Bestreben des Bauherrn und seines Architekten, Bauinspektors Emil Jaehn von der [Magdeburger] Architekten-Firma Cornelius & Jaehn, dem Auge ein gefälliges Äußeres darzubieten. Das Wohnhaus enthält vier geräumige Arbeiterwohnungen, von denen eine jede aus einer Wohnstube und zwei Schlafstuben nebst einer Küche besteht. Das Obergeschoß dieses Gebäudes bildet einen einzigen großen Raum, der einstweilen als Korn- und Futterschüttboden praktische Verwendung findet. Die Eisenbeton-Zugangstreppen zu diesem Boden liegen abgesondert außen an den Giebelseiten des Hauses. Unter den Treppen sind die Aborte und Gerätekammern zweckmäßig untergebracht, so dass auch dieser Raum nach Möglichkeit ausgenutzt wird. […] Die Küchen dieses Wohnhauses sind unterkellert, so dass zu jeder Wohnung ein geräumiger und luftiger Kellerraum gehört, gewiss eine Annehmlichkeit für die Bewohner, welche man sonst in Arbeiterwohnhäusern selten findet.

Abbildung 7 und 8 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“

Den Hauptteil der ganzen Anlage bilden die großartig angelegten Ställe für Zucht- und Mastschweine sowie die damit in Zusammenhang stehenden Bauten. Unser Bild 11 stellt die äußere Ansicht dieser Gebäudeflucht dar. Auch hier war man, wie aus der Zeichnung ersichtlich ist, bestrebt, ein gefälliges Äußeres mit einfachen Mitteln zu erzielen. Nach der Nordseite zu befinden sich zunächst die Schweineställe. Die Räume für die Zucht- und Mastschweine sind von einander durch eine geräumige Futterküche getrennt, in welcher das Futter für die Tiere zubereitet wird. Unter der Futterküche befindet sich ein großer Kellerraum, welcher zur Lagerung von Kartoffeln und anderem Rohfutter für die Schweine dient. An die Futterküche schließen sich nach Osten zu die Ferkelställe an, welche in einem Flügelbau untergebracht sind. Dieser Flügelbau ist von allen Seiten mit einem geräumigen Laufhof für die Tiere umgeben. […]

Abbildung 11 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“

Für den Landwirt bietet überhaupt die Anlage dieser Ställe viel Sehenswertes und wird wahrscheinlich dieser Musterstall, wenn er erst im Betriebe ist, einen Anziehungspunkt für die beteiligten Kreise bilden.
An die Schweineställe schließen sich nach Süden zu Pferde- und Kuhställe an, sowie Wohnräume und Küche für die zeitweilig beschäftigten forst- und landwirtschaftlichen Arbeiter und die den Familien der vier Gutsleute zur Benutzung überwiesenen Viehställe, Holzställe und Kartoffelkeller.  In dem gleichen Gebäude ist auch das Back- und Waschhaus für die Arbeiter untergebracht. Die ganze Gebäudeflucht dieses Hauptstallgebäudes ist etwa 85 m lang. […] Auch hier ist das Dachgeschoß zum großen Teile landwirtschaftlichen Zwecken dienstbar gemacht. Die durchweg hellen und luftigen Bodenräume werden zur Aufbewahrung von Stroh und Rauhfutter benutzt. Unser Bild 12 gibt den Grundriss dieses Gebäudes in allen Einzelheiten wieder und eine Ansicht des Nordgiebels, mit welcher gleichzeitig die Ansicht des Flügelbaues, welcher die Ferkelställe enthält, verbunden ist. […]

Abbildung 12 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“

Dem Gebäude gegenüber befinden sich an der Längsseite des Hofes 2 Schuppen, von denen der eine, aus Beton hergestellt, zur Einstellung des Dampfpflugapparates und als Reparaturwerkstatt benutzt wird, während der andere, aus Holz erbaut und nach der Hofseite zu offen, als Geräteschuppen für die sonstigen landwirtschaftlichen Maschinen und die Ackerwagen dient. […] Der Dampfpflugschuppen ist 25 m lang und 15 m breit und ohne jede Stützsäule im Inneren, damit die Dampfpfluglokomotiven sich frei darin bewegen können. […] 

Abbildung 14 aus dem Buch „Die Toepfferschen Heidekulturen in Lopau – gesammelte Berichte“


In dem Dampfpflugschuppen, dessen Anordnung unser Bild 14 zeigt, ist ein vierpferdiger Benzinmotor aufgestellt, welcher eine doppelt wirkende Pumpe für die Wasserleitung, sowie eine Bohrmaschine und Drehbank, eine Futterschneidemaschine, eine Schrotmühle und einige kleinere Maschinen zu landwirtschaftlichen Zwecken betreibt.

Der Gutshof wird nun um das Verwaltungsgebäude herum mit einer Parkanlage und an den Längsseiten mit Obstbau und Gemüseanpflanzungen umgeben, auf welchen die Gutsleute ihre Bedürfnisse an Gemüsen ziehen.


Das den Fachmann am meisten Interessierende dürfte bei vorstehend beschriebenen Bauten wohl sein, dass Toepffer mit außerordentlich einfachen Mitteln diese Bauten hergestellt hat […]. Jedenfalls haben diese Bauten den Vorzug, dass sie dem Schaffensgeiste eines einzelnen ein glänzendes Zeugnis ausstellen, und dass die aufgewendeten Mittel dem Verwendungszweck entsprechend angepasst sind. Was die Kosten der Bauten anbelangt, so stehen uns genauere Angaben darüber zwar nicht zu Gebote, jedoch hat uns der Erbauer versichert, dass dieselben sich erheblich niedriger als bei Ziegelbauten stellen. […]

Vielleicht kommt dereinst die Zeit, wo der zukünftige Bewohner der Lüneburger Heide mit Stolz diese ersten Bauwerke aus Eisenbeton dem Fremden als besondere Merkwürdigkeit zeigt, weil sie die erste Anregung gegeben haben, den Eisenbetonbau in der Lüneburger Heide einzubürgern, welche mangels geeigneter sonstiger wetterbeständiger Baustoffe in erster Linie berufen ist, ihm eine besondere Förderung angedeihen zu lassen.


Doch es kam anders. Wie eingangs schon erwähnt, ist von Westerhorn heute so gut wie nichts mehr geblieben. Durch die Ausdehnung des Truppenübungsplatzes Munster lag Westerhorn letztlich mitten Sperrgebiet. Das benachbarte Lopau erfuhr ein ähnliches Schicksal, durch die Randlage am Truppenübungsplatz sind hier allerdings einige wenige Gebäude erhalten geblieben. Während Lopau zumindest noch auf einigen Landkarten verzeichnet ist, ist Westerhorn längst ausgelöscht und nur einigen wenigen überhaupt noch ein Begriff.


Quellen: Artikel „Eisenbetonbau im Dienste der Forst- und Landwirtschaft“ (vermutlich!) aus dem Fachblatt „Zement und Beton“, Berlin, von August 1903; sowie Informationen von Hermann Aevermann. Fotos und Skizzen: wie angegeben.