Mittwoch, 26. März 2014

Das Anna-Forcke-Stift in Barsinghausen

Stolz steht es auch über 100 Jahre nach seiner Grundsteinlegung auf einer leichten Anhöhe am Ortsrand von Barsinghausen: das Anna-Forcke-Stift. Erbaut wurde es um die Jahrhundertwende (das Buch „Pflegen und Heilen in Göttingen“ von Traudel Weber-Reich nennt 1908 als Eröffnungsjahr).

Das Anna-Forcke-Stift in Barsinghausen um 1910

Das Gebäude war von Beginn an als Schwesternwohnheim konzipiert und hatte für die damalige Zeit durchaus großzügige Dimensionen: eine Nutzfläche von über 1.600 m² und eine Grundstücksgröße von rund 6.000 m² sprechen wohl für sich. Benannt ist es nach Anna Forcke, einer Diakonisse und als Oberin langjährige Leiterin des Henriettenstifts (1863-1904).

Für die Unterbringung der alten und kranken Schwestern standen 50 Zimmer bereit, die alle über einen eigenen Wasseranschluss verfügten. Auf jeder Etage gab es einen Baderaum mit Wanne sowie Toiletten auf dem Gang.


Diese colorierte Postkarte zeigt das Stift in den Anfangsjahren

Über die Situation im Jahr 1959 findet sich in den „Bodenteicher Tagebücher 1956-1964“ von Ilse Brandt (mit dem Titel „Petticoat und Pferdeschwanz“) folgende interessante Passage:

Donnerstag, 2. 4. 59 […] Nachmittags fuhren wir mit dem Zug nach Barsinghausen (2,40 DM mußten wir bezahlen!) Erst haben wir in einem Altersheim gesungen und sind dann ins Anna-Forcke-Stift gefahren, wo die alten Schwestern untergebracht werden, die krank sind. Das Stift liegt in einem herrlichen Wald mit einem tollen Blick über Barsinghausen. Wir haben unheimlich viel Bucheckern gesammelt und gefuttert.
Beim Abendbrot ist mir etwas Lustiges passiert. Es gab weiche Eier. Ich steckte den Löffel rein und die ganze Schlabbe spritzte auf die Tischdecke. Wir haben uns fast totgelacht. – Wir lachen überhaupt viel bei Tisch und die Schwestern gucken immer ganz bös. Die haben wohl nichts mehr zu lachen. […]

Das Anna-Forcke-Stift in den 1930er Jahren...

...und rund 80 Jahre später bietet sich dieser Anblick

Postkarte aus den 1940er Jahren

Bis 1998 wurde das Stift noch genutzt, seitdem steht es leer. Im Mai 2012 gab es einen Brand im Obergeschoß, der laut Polizei auf fahrlässige oder vorsätzliche Brandstiftung zurückzuführen ist. Der Sachschaden belief sich auf rund 50.000 €. Seit diesem Brand klafft nun ein großes Loch im Dachstuhl und lässt Regen und Feuchtigkeit ungehindert eindringen – was dem Erhalt des Gebäudes nicht gerade förderlich ist. Bis heute flattert das rotweiße Absperrband in den Fluren, und die Brandschäden wurden weder beseitigt noch wenigstens provisorisch entschärft…

Das Anna-Forcke-Stift im März 2014

Blick vom ehemaligen Park aus

Überhaupt sind die Spuren von Vandalismus im gesamten Gebäude überdeutlich – leider! Das ist auch wenig verwunderlich, denn man hat ungehindert Zutritt zum Gelände und in das Gebäude selbst. Es gibt weder Absperrungen noch Warn- oder Verbotsschilder. Scheint ganz so, als hätte niemand mehr Interesse an diesem „hochwertigen Denkmal“, als das es der Ausschuss für Planung, Bauen und Umwelt der Stadt Barsinghausen in seiner Sitzung am 28. 10. 2008 bezeichnete (Protokoll). Doch auch die Behörden sind in diesem Fall scheinbar machtlos bzw. zeigen keinerlei Interesse am Erhalt des Anna-Forcke-Stifts. Schade.

Und hier nun ein paar Impressionen aus dem März 2014:




Frau Korczowski - wohl eine der letzten Bewohnerinnen



Eine der Toiletten auf dem Flur













Hier hat es 2012 gebrannt






Einer der Kellerräume


Die Küche






Zugang zum Keller

Klingeln nützt hier nichts mehr






Die Waschküche






Update - November 2016

Inzwischen hat sich ein Investor gefunden, der das Gebäude in ein Hospiz umgestalten möchte. Die Umbauarbeiten sollen im Jahr 2017 beginnen. Damit wäre dieses schöne Gebäude vor dem endgültigen Verfall gerettet!

Hier ein Artikel aus dem Juli 2016 aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: Anna-Forcke-Stift wird zum Hospiz umgebaut.

Fotomontage


Quellen: Da es weder in der Literatur noch im Internet eine eigenständige Seite mit Informationen zum Anna-Forcke-Stift gibt, habe ich die einzelnen Daten und Fakten von vielen Internetseiten, Blogs und Artikeln zusammengesucht. Da sich diese Informationen überall im Internet wiederfinden verzichte ich hier auf genauere Quellenangaben, da dies den Rahmen sprengen würde. Einige Quellen sind als Link eingerichtet. Fotos: eigene (März 2014) soweit nicht anders ausgewiesen.