Montag, 23. September 2013

Hotel-Restaurant Grünewald in Hassel

Das ehemalige Hotel-Restaurant Grünewald im September 2013


Die Geschichte des Gasthauses Grünewald reicht zurück bis ins Jahr 1831, als Heinrich Christian Ludewig Haller zusammen mit seiner Ehefrau Dorothea, geb. Harling, den Krug „Zum Wachtmeister“ eröffnete. Das Gebäude selbst ist jedoch schon älter. Als die von Hannover nach Harburg und Hamburg führende Post- und Heerstraße 1790 gebaut wurde, benötigte man ein Gebäude, um das damals zu entrichtende Wegegeld kassieren zu können. So diente das Haus zunächst als sogenanntes „Chaussee-Einnehmerhaus“.

Dann, ab 1831, verlor es diese offizielle Funktion und diente fortan als Gasthaus. Einen schönen Einblick in die damalige Zeit und über die sogenannten Frachtfahrer liefert der Schriftsteller Gustav Freytag:

Sie [die Frachtfahrer] stehen vor dem Stammtisch, breit und wuchtig, kippen einen "Hoppenstedler" aus dem "Blaurand" hinter die Binde, füllen ihre Ölfunzeln auf und staken schweren Schrittes wieder hinaus. Und vor der Tür der "Hallerschenke" stehen ihre großen Wagen, mit mächtigen Fässern und Ballen beladen; verschnürt die Fracht mit dicken Stricken, durch künstlerische Knoten zusammengehalten.
Ein Vierer- oder gar ein Sechsergespann davor, gewaltige Pferde, mit messingbeschlagenen, blinkendem Zaumzeug geschmückt, und gewartet von riesenhaften, breitschultrigen Männern. In ihren derben blauen Blusen erscheinen sie wie die Überreste eines alten Volkes, von dem die Märchen erzählen, daß es einst auf deutschem Boden gehaust und mit turmhohen Felsblöcken murmeln gespielt habe. Giganten, alle von der Natur aus zähem Holz über Lebensgröße ausgeführt, die mit Zentnern umgingen wie gewöhnliche Menschen mit Pfunden. Und von der nahen Saline in Sülze kamen die Sölter mit ihren blauen Kastenwagen auf hohen Rädern unter weißer Plane. Sie trugen blau-weiß gestreifte Kittel. Und noch heute erkennt man auf dem Grünewalder Mastenweg tiefe Fahrspuren jener Sölterwagen die in die Dämmer der Geschichte weisen.

Haller konnte sich seines Besitztums allerdings nicht lange erfreuen, denn er starb bereits am 25. August 1834. Seine Witwe heiratete im Jahre 1839 in zweiter Ehe Johann Friedrich Christian Schulze aus Sülze, der Grünewald zunächst bis 1857 verwaltete und schließlich bis 1868 pachtete. Schulze ließ im Sommer 1842 auf dem Grundstück einen zweiten Pferdestall für 20 Pferde bauen, was man durchaus als Zeichen dafür werten kann, dass das Gaststättengeschäft florierte.


 


Die älteste Tochter, Dorothea Louise Friederike, heiratete 1857 den Vollhöfner und Gemeindevorsteher Hans Heinrich Timme aus Hassel, was die Ehe der Schulzes jedoch mehr und mehr belastete und 1868 schließlich zur Scheidung führte.

Hans Heinrich Timme, seit dem 17. Juli 1869 konzessioneller Besitzer der alten Hallerschänke, war ein tatkräftiger Mann, der auch kein Risiko scheute. Gemeinsam mit seinem Schwager Schulze fasste er den Entschluss, auf dem Nord-West-Terrain seines Anwesens ein Sägewerk zu errichten. Mit dem Bau wurde am 5. Oktober 1869 begonnen, und am 16. Mai 1870 begann bereits die Arbeit im Werk. Am 13. Januar 1872 wurde die "Firma Timme & Schulze, zum Grünewalde" als offene Handelsgesellschaft in das Handelsregister eingetragen.
Bedingt durch die im Sägewerk anfallenden Arbeiten, blieb Timme natürlich für den Betrieb der Land- und Gastwirtschaft nur noch äußerst wenig Zeit, so dass er sich gezwungenermaßen entschloss, diese beiden Teile zu verpachten. In den folgenden Jahren sah das Gasthaus mehrere Pächter kommen und gehen.
Aus dieser Zeit stammt wohl auch folgende Anekdote, die Astrid Engelbrecht zu erzählen weiß:

Für Gesprächsstoff sorgte stets das Gasthaus Grünewald, einst „Fuhrmannsschänke“. So soll sich das weibliche Thekenpersonal der damals zu Offen zählenden Wirtschaft doch recht vergnüglich mit den vorbeiziehenden Fernfahrern eingelassen haben. Der Haken: Die Gemeinden mussten sich früher um die unehelichen Kinder kümmern und das wurde Offen wohl doch zu teuer. So kam es, dass Grünewald den Hasselern untergejubelt wurde.

Im Sommer 1907 wurde die Sägemühle ein Raub der Flammen, und am Abend des 5. September 1929 gegen 7 Uhr ging der alte große Pferdestall auf Grünewald in Flammen auf und wurde vernichtet. Dank dem schnellen Eingreifen der Feuerwehr gelang es den Brand zu lokalisieren, und somit die Wohn- und Wirtschaftsgebäude zu retten.

Als ab 1935 mit dem Bau des Truppenlagers Bergen-Belsen begonnen wurde, steigerte sich der Verkehr auf den Straßen zu einem Ausmaß, wie es zuvor niemand für möglich gehalten hatte. Dieser Umstand machte es auch für Grünewald erforderlich, sich den Verhältnissen auf jede Weise und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln anzupassen. Am 30. September 1938 lief das Pachtverhältnis mit Wilhelm Borsum aus. Über 31 Jahre war er in Grünewald als Pächter tätig gewesen und hat durch Fleiß und Umsicht mit dazu beigetragen, den "weltweit guten Ruf" dieses alten Hauses zu wahren und zu festigen.

Beschriftung auf der Rückseite der Postkarte:
Gastwirtschaft zum grünen Wald
Inh. Walter Borsum
Grünewald, Telefon Sülze 74
Fernkraftfahrer-Station
Tag u. Nacht geöffnet

Postkarte, vermutlich aus den 1960er Jahren
Ein weiteres Postkartenmotiv aus den 1960ern

Postkarte ebenfalls vermutlich aus den 1960er Jahren

Nach dem Krieg wurde das Gasthaus von Hans Timme geführt. Ab 1949 und bis 1973 fanden dort auch einige Schützenfeste statt, was die Verbundenheit der Hasseler mit ihrem Grünewald verdeutlicht. Das Ehepaar Timme ist es dann allerdings auch, das den Abriss des alten Gasthofes beschließt. Was genau die Gründe dafür waren, lässt sich nur vermuten. Ob die Gebäudesubstanz zu marode war, ob die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten und nicht erweitert werden konnten, oder ob das alte Haus zu dicht an der Bundesstraße lag - weshalb auch immer, an seine Stelle sollte ein neues Hotel-Restaurant treten, das unter dem alten Namen den guten Ruf weiterführen soll, den der „Wachtmeister“, die „Hallerschänke“ und schließlich der „Grünewald“ begründet hat.

Wann genau Abriss und Neubau stattgefunden haben, konnte ich bislang noch nicht in Erfahrung bringen. Ich vermute aber, dass es um 1980 gewesen sein muss.

Postkarte aus den 1980er (?) Jahren
Rückseite der Postkarte (oben)

Bis zum Jahr 2001 konnte ich keine weiteren Informationen zum Grünewald finden. Ein Artikel aus dem „Bergener Stadt- und Örtze-Anzeiger“ vom 30. Januar 2002 gibt Auskunft über die jüngere Geschichte. Unter der Überschrift „Grünewald bietet feine Küche und mehr“ ist folgendes zu lesen:

Hassel (sz) Die Qualität des Essens soll die Gäste überzeugen. Mit diesem Vorsatz haben Ursula Wellmann und Werner Gerwien das Hotel-Restaurant-Café Grünewald Mitte vergangenen Jahres übernommen. Das Konzept geht auf. Längst nicht nur “Durchreisende” auf der B3, sondern immer mehr Bergener finden sich im “Grünewald” ein.

Die feine deutsche Küche, aber auch zusätzliche Veranstaltungen, die Unterhaltung versprechen locken die Gäste an. Zum vierzehntägigen Tanztee reichen die räumlichen Kapazitäten mittlerweile kaum noch aus, berichtet Werner Gerwien. Daher wird zu dieser Veranstaltung um Voranmeldung gebeten.

Wer das Glück hat, einen der begehrten Tanztee-Termine mitzuerleben, kann sich hier unter anderem vom vielseitigen Talent des Küchenchefs überzeugen. Werner Gerwien ist nicht nur Koch und Ausbilder seines Faches, er ist auch musikalischer Alleinunterhalter. “Musik mache ich seit 30 Jahren”, berichtet der Hobby-Keyboarder und Sänger. Neben seiner Musik kommt auch der hausgemachte Kuchen von Ursula Wellmann beim “Tanztee” gut an.

Aber auch im “Alltag” hat das Restaurant eine Menge zu bieten. 60 Gerichte stehen auf der Speisekarte. Da lässt sich quer durch alle Sparten der Kochkunst schlemmen, angefangen beispielsweise bei Geflügelleber an grünen Salat mit pikanter Vinaigrette, über den Heidschnuckenbraten in Rosmarinjus, serviert mit Speckbohnen, Champignons à la Creme und Kartoffelkroketten bis hin zum flambierten Walnusseis als Dessert reichen die Angebote. Besondern Wert legt man im “Grünewald” auf die Zubereitung von Wildspezialitäten. Dass das Adjektiv “fein” auf die Küche des Hauses zu Recht zutrifft, zeigt unter anderem die Zubereitung der Gemüse: die werden gedämpft keinesfalls gekocht. Zum guten Essen darf auch der gute Wein nicht fehlen: Erlesene Tropfen aus Deutschland, Frankreich und Portugal stehen zur Auswahl. Und wer den Aufenthalt im “Grünewald” noch etwas ausdehnen möchte, wird ebenfalls bedient: Dem Hause ist ein Hotel mit 28 Betten angeschlossen.

Das alte Hinweisschild wirbt bis zum heutigen Tag für das ehemalige Hotel-Restaurant...

Soweit also der Zeitungsartikel. Wie lange der Grünewald danach noch geöffnet war, entzieht sich  meiner Kenntnis. Die bislang letzte Nutzung erfuhr das Haus als Club „No Limit“, was Aufnahmen aus dem Jahr 2008 belegen. Heute präsentiert sich das Gebäude verschlossen und weitgehend (soweit durch die Fenster zu erkennen) unmöbliert. Das Gelände rings um den Gasthof ist verwahrlost. Ob die über 180-jährige Tradition des Gasthauses nun ihr Ende gefunden hat? Wer weiß, vielleicht findet sich ja doch wieder ein Investor, der, wie damals Hans Heinrich Timme, kein Risiko scheut und sein Glück versucht…

Und hier nun ein paar Impressionen rund um das Gasthaus aus dem September 2013:

Der verwaiste Parkplatz
Der Eingangsbereich
Hier ging es früher zum Biergarten
Der Biergarten heute
Der Biergarten aus einer anderen Perspektive heute
Dieser Teich befindet sich im hinteren Bereich des Grundstücks
An diesen Tischen hat schon lange niemand mehr gesessen
Der rückwärtige Gebäudeteil

Rund um den Parkplatz finden sich noch einige dieser Pflanzbehälter
Eine Laterne ohne Leuchtmittel und ein ins Nichts gerichteter Scheinwerfer
Aus Richtung Wolthausen kommend weist dieses Schild noch heute den Weg zum Grünewald

Update

Wie die Cellesche Zeitung am Dienstag, 13. Mai 2014, berichtet, hat sich ein neuer Besitzer für das ehemalige Hotel und Restaurant Grünewald gefunden. Auch wenn damit die 1831 begonnene ursprüngliche Nutzung als Gasthaus definitiv endet, so bleibt doch wenigstens das Gebäude als solches erhalten.

Bericht aus der Celleschen Zeitung vom 13. 5. 2014


Quelle: Internetseite www.hassel-online.de; Fotos: eigene