Mittwoch, 24. April 2013

Kurzebrack - Der Eiserne Peter

„Bei Kurzebrack am rechten Ufer der Weichsel, dicht am belebten Wege zur staatlichen Fähre, unter einer malerischen Gruppe von drei etwa 32 Meter hohen Pappeln, erhebt sich ein einfaches Denkmal in Form eines gußeisernen Obelisken auf gußeisernem Sockel.“
Abbildung aus „Zentralblatt der Bauverwaltung“ von 1906

Mit diesen Zeilen beginnt ein Artikel aus der Zeitschrift „Zentralblatt der Bauverwaltung“ vom August 1906, überschrieben mit: Ein halbvergessenes Denkmal. Es folgt eine zeitgenössische Abbildung des Denkmals, das aufgrund seiner Materialbeschaffenheit im Volksmund auch „Eiserner Peter“ genannt wurde. Die Geschichte dieses Denkmals beginnt jedoch schon viel früher, nämlich im Jahr 1813…

Zur geografischen und geschichtlichen Einordnung von Kurzebrack (heute Korzeniewo) hier einige interessante Fakten: Kurzebrack liegt an der Weichsel bei Marienwerder (heute Kwidzyn).  Mit seinen wenigen Einwohnern (1905 waren es 39) gelangte Kurzebrack nach dem 1. Weltkrieg zu trauriger Berühmtheit: Durch die Bildung des polnischen Korridors verlief die neue deutsch-polnische Grenze östlich der Weichsel. Deutschland sollte aber, so wollten es die Siegermächte, einen ungehinderten Zugang zur Weichsel bekommen. Und eben dieser wurde in Kurzebrack eingerichtet. Da der Hafen sich nun aber in polnischer Hand befand, gestand man Deutschland den Zugang zur Weichsel lediglich in Form einer 4 Meter breiten Straße zu, die mitten durch polnisches Gebiet verlief. Dieser Umstand führte in der Folgezeit zu erheblichen Komplikationen – aber dazu an anderer Stelle mehr.


Die deutsch-polnische Grenze in Kurzebrack

Für die Geschichte und die Entstehung des Denkmals ist die Tatsache von Bedeutung, dass seit 1809 in Kurzebrack der älteste Pegel am ostpreußischen Weichselufer bestand.

„Das Denkmal selbst erzählt uns auf den Inschriften der vier Seitenflächen seine Entstehungsgeschichte“, so erfährt man weiter aus dem o. g. Artikel. Die Inschriften lauten wie folgt:

„Auf der Südseite: Im Jahre 1813 während des Kampfes um deutsche Freiheit, sieben Tage nach dem Siege an der Katzbach, drei vor dem Siege bei Dennewitz, erreichte am dritten des Herbstmonats nach anhaltenden Regengüssen bei Kurzebrack an dem Pegel der Weichselstrom die seltene Höhe von 22 Fuß 2 Zoll.
Auf der Ostseite: Er durchbrach bei Rahtsweide in einer Länge von 110 Ruthen den schützenden Deich, gerettet wurden nur Menschen und Heerden. Verloren ging die reiche Ernte der Niederung, daß in seiner Hoffnung betrogen, der verzweifelte Landmann mit betrübtem Blick in die Zukunft sah.
Auf der Nordseite: Da half Friedrich Wilhelm der Dritte, trotz den Sorgen des Krieges aus dem Hauptquartier in Paris her, durch die sorgende Hand seines Finanzministers Freiherrn von Bülow.
Auf der Westseite: Hergestellt wurde die Schutzwehr im Jahre 1814 nach dem glorreichen Frieden von Paris unter der Leitung des Regierungs-Präsidenten von Hippel und des Direktors von Rothe, von dem Wasserbaudirektor Hartmann und dem Regierungs-Assessor Siehe mit einem Aufwande von Sechs und dreißigtausend Thalern.
Am Sockel der Südseite befinden sich noch folgende Angaben: Wasserstand am dritten des Herbstmonats. Zu Gleiwitz gegossen.“


Der genaue erste Aufstellungsort des Denkmals ist nicht bekannt. Es soll aber bei Rahtsweide, oberhalb Kurzebrack, an der damaligen Bruchstelle des Deiches errichtet worden sein. Bei einem erneuten Deichbruch im Jahre 1854 wurde das Denkmal zerstört.
Die Trümmer lagerte man daraufhin lange Jahre neben einem Geräteschuppen, wo sie bald schon in Vergessenheit gerieten. Erst im August 1902 stieß man bei Aufräumungsarbeiten wieder auf die alten Gußeisenplatten und erkannte sie als die Reste eines Denkmals. Daraufhin wurden die Platten ausgebessert und neu zusammengestellt. Zur Neuaufstellung des Denkmals zitiere ich noch einmal den Artikel aus dem Zentralblatt der Bauverwaltung:

„Die Wiederaufrichtung des Obelisken, der einst zur Erinnerung an die selbst in schwersten Kriegszeiten andauernde landesväterliche Fürsorge Friedrich Wilhelms III. für sein Volk aufgestellt worden war, geschah im Mai 1903 auf dem jetzigen Standplatz, wie die vorstehende Abbildung zeigt, und zwar so, daß eine auf dem Sockel befindliche Wasserstandsmarke in richtige Höhenbeziehung zum Pegel gebracht wurde, so daß sie den zur Zeit des Deichbruches von 1813 höchsten Wasserstand genau anzeigt.“

Wie eine Postkarte aus der Zeit des Dritten Reiches zeigt, wurde der Obelisk in den dreißiger Jahren noch einmal an einen anderen Ort versetzt, nämlich in unmittelbare Nähe zum sogenannten Pegelhaus, das man im Hintergrund erkennen kann. Allerdings beanspruchte man die Wiederrerrichtung des Denkmals nun für sich, denn auf der Rückseite der Karte ist zu lesen:

[...] wiedererrichtet im Jahre der nationalen Erhebung 1933 vom Bund „Deutscher Osten“ Bezirk Westpreußen,  [...]
Postkarte aus der Zeit des Dritten Reiches

Der Eiserne Peter in der 30er oder 40er Jahren
(Link zum Foto)

Wie neuere Aufnahmen des auch heute noch vorhandenen Pegelhauses zeigen, befindet sich das Denkmal jetzt nicht mehr dort. Ob der Obelisk den 2. Weltkrieg heil überstanden hat, ist mir nicht bekannt.

Das Pegelhaus heute mit dem Platz, auf dem das Denkmal einst stand
(Link zum Bild)

Das Pegelhaus in Korzeniewo (Link zum Bild)

Im heutigen Korzeniewo ist allerdings ein neues Denkmal entstanden, welches zwar anders gestaltet ist, aber augenscheinlich auf dem alten Sockel des „Eisernen Peters“ ruht. Die Inschrift lautet in etwa: Höchststand des Weichselhochwassers.


Mai 2010 (Link zum Foto)

September 2010 (Link zum Foto)


Mai 2011 (Link zum Foto)


Quellen: Zentralblatt der Bauverwaltung, XXVI. Jahrgang, Nr. 69, Seiten 441-442