Mittwoch, 21. März 2012

Offensen und der Kongo-Express

August 1939. Offensen bei Wienhausen. Ein Ufa-Filmteam beginnt mit den Dreharbeiten zum Film „Kongo-Express“.


Was haben Dreharbeiten mit Lostplaces zu tun? Diese Frage darf man sich durchaus stellen - sie ist aber recht schnell beantwortet. Für die Aussenaufnahmen zum Ufa-Film „Kongo-Express“ suchte sich das Filmteam rund um den verantwortlichen Filmarchitekten Anton Weber die Bahnlinie der Allertalbahn bei Offensen aus. Heute, mehr als 70 Jahre später, existiert diese Bahnstrecke schon lange nicht mehr. Daher sind die Dreharbeiten zu diesem Film auch ein Stück Geschichte der Allertalbahn, und somit haben die Geschehnisse rund um den „Kongo-Express“ auch Erwähnung bei meinen Lostplaces verdient.
Und nun wünsche ich viel Freude bei der Zeitreise zurück in die letzten friedlichen Tage kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges...

In wenigen Stunden hat sich in der Lüneburger Heide bei Celle allerlei getan. Afrikanische Buschmänner und weiße Ingenieure haben sich für längere Zeit in Offensen niedergelassen. Die Ufa hat einen Vortrupp entsandt, um die Außenaufnahmen für den Film KONGO-EXPRESS vorzubereiten.

Sind die Neger echt? – Diese Frage ist von den braven Heidjern, den Bauern in Offensen, gestellt worden. Sie konnten es nicht glauben, daß die Neger echt waren, und befürchteten, daß die Farbe auf ihre Bettbezüge abfärben könnte. Deshalb war es zu Anfang ein wenig schwierig, für die seltenen Gäste Quartier zu bekommen. Sie haben sich dann aber überzeugen lassen, daß die Farbe nicht abzuwischen sei und waren beruhigt.

Mit Hauruck sind die Ufamänner dann an die Arbeit gegangen und haben das Negerdorf »Mondombe« aufgebaut – einen typisch afrikanischen Negerkral, wie er ebensogut in der Nähe des Äquators stehen könnte. Um für die Aufnahmen den rechten Hintergrund zu schaffen, hat man sogar sechzig Palmen herangebracht, hat Busch und Sand etwas afrikanisiert.

Außerdem hat man ein echtes, afrikanisches Bahnhofsgebäude im Kolonialstil errichtet. Zwei andere Gebäude hat man mit Schilf- und Strohmatten afrikanisiert.

Der Film-Kurier über den Kongo-Express

Die komplette Ausgabe des „Film-Kurier“ über den Kongo-Express

Diese Zeilen konnte man damals im „Film-Kurier“ (Nr. 194 vom 22. August 1939) lesen. Selbstverständlich befasste sich auch die örtliche Lokalpresse mit diesem außergewöhnlichen Treiben. So erschien am Freitag, 18. August 1939, auf Seite 6 unter der Rubrik „Aus dem Landkreis Celle“ in der Celleschen Zeitung folgender Artikel:

„Mondombe via Celle“
Ein Tropenidyll in unserer Heide - Die Cellesche bei den ersten Aufnahmen zu dem Film „Kongo-Expreß“.
Was bisher Schrecken und Unruhe um und über „Mondombe“ in unsere friedliche und gemäßigte Bevölkerung hineingetragen hat, waren weiter nichts als Vorbereitungen. Die richtigen Sensationen sollen erst kommen. Man denke nur: Zwei Expresszüge rasen, durch ein Versehen auf das gleiche Gleis gebracht, aufeinander los. Ein Flieger will das furchtbare Unglück verhüten und die Züge durch Notsignale zum Halten bringen. Da seine Zeichen mißverstanden werden, entschließt er sich zum letzten, heldenmütigen Einsatz: er landet, ohne Rücksicht auf sich und seine Maschine. Seine Maschine geht im Urwald zu Bruch, dicht am Schienenstrang liegen die Trümmer, aber der Flieger hat seine hohe Mission erfolgreich durchgeführt. [...]

Dies ist zunächst eine kurze Inhaltsangabe zum Film. Der Redakteur Walter Redlich hat diese Zeilen geschrieben, und er ist es auch, der in den folgenden Tagen Berichte für die Leserinnen und Leser der Celleschen Zeitung verfassen wird. Seine Artikel bilden den Grundstock für meine Recherche, denn über die Situation direkt vor Ort ist sonst so gut wie nichts (mehr) zu erfahren. Eine weitere Quelle ist der Text von Hans-Jürgen Tast über den Kongo-Express in der „Celler Chronik 16“, allerdings greift auch er auf die Zeitungsartikel von Redlich zurück. Neben den Texten sind in der Tageszeitung auch interessante Fotos von den Dreharbeiten erschienen. Scans dieser Fotos wurden mir von Florian Friedrich zur Verfügung gestellt - dafür herzlichen Dank!

Doch folgen wir nun erst einmal wieder der Schilderung Walter Redlichs über die Herrichtung des Drehortes  (Cellesche Zeitung, 18. August 1939):

Ein Tropen-Idyll in unserer Heide
Strahlend zog der heutige Augusttag herauf. Es war ein richtiger Erntetag, der den Bauern und seine Helfer frühzeitig auf das Feld lockte. Überall sah man das gewohnte Bild dieser hochsommerlichen Tage, fleißige Menschen auf den Äckern und mit Garben beladene Wagen. Auch Heide und Bruch waren still und einsam, wie immer. Die Bienen summten um die jungen Heideblüten, nichts störte den Frieden unserer stillen Landschaft. Doch potzwunder, was tut sich denn dort, unmittelbar neben dem einsamen Feldweg, für ein merkwürdiger Anblick auf? Über die grünen Birkenkronen am Wegrande ragen schlanke Palmenstämme empor, oben, in luftiger Höhe, mit den fächerartigen Wedeln bekrönt. Typische Kinder der Tropen in unserer Heide! 
Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 19. August 1939
Fotograf: Walter Redlich
Warm genug ist es heute ja, aber es gehört doch viel Phantasie dazu, um sich in jenes begnadete Land hineinversetzt zu fühlen, wo es ewig Sommer ist. Wir treten durch das Gebüsch in dieses Tropenidyll hinein, das die Ufa als Urwaldlandschaft aus dem Kongogebiet für ihren Film erstellen läßt. Von richtigen Kongonegern ist weit und breit nichts zu sehen; die Männer, die dort mit Sägen, Messern und Spritzen arbeiten, sind zwar auch von der Sonne braun gebrannt, aber an ihrer Mundart kann man unzweifelhaft erkennen, daß sie mit Spreewasser getauft worden sind. „De Dreckschleuder kannste nehmen, ha'k jesacht, und nu man lustig vorwärts, de Palmen müssen fertig wern!“
Da stehen sie, die schlanken Tropenbäume, die sich aber beim näheren Zuschauen als täuschend geschickt maskierte Kulissenstücke entpuppen. Die Stämme sind mit Sacktüchern umwickelt. Sie mußten, um ein möglichst naturgetreues Bild zu geben, schräg eingegraben werden, denn so wachsen ja auch die richtigen Palmen auf. Das war eine mühselige Arbeit, die an den Architekten und seine Helfer große Anforderungen stellte, denn die Erde mußte wegen der schrägen Stellung der Stämme besonders tief ausgegraben werden, um ihnen einen festen Halt zu bieten. Alles mögliche Material wurde für dieses Urwaldfleckchen verwandt, morsche Apfelbäume, Fichtenstämme, Nägel, Leim und Farbe für die künstlichen Palmwedel, kein Stück aus dem afrikanischen Busch, aber unter geschickten Händen zu einem täuschend echten Urwaldfleckchen konstruiert. [...]

Aufgrund dieses Artikels erhält man einen schönen Einblick in die Vorbereitungsarbeiten, die kurz vor den Dreharbeiten, ab 11. August 1939, am Bahndamm der Allertalbahn zwischen Wienhausen und Offensen stattgefunden haben. Doch nicht nur die Vegetation am Bahndamm erfuhr eine Verwandlung, es wurden  außerdem noch die kleine afrikanische Bahnstation „Lukanga“ sowie das Urwalddorf „Mondombe“ errichtet.

Kulissenmodell für das Dorf Mondombe
Quelle: Celler Chronik 16
Copyright Anton-Weber-Nachlass, Schellerten.

Hier soll das Urwalddorf Mondombe einst gestanden haben...

Aber wie ist es dazu gekommen, dass gerade Offensen für die Außendreharbeiten ausgesucht wurde? Hier gibt ein Bericht aus der Celleschen Zeitung vom Donnerstag, 24. August 1939, Aufschluss:

[...] Aufnahmeleiter Grau, der zum direkten Stab des Produktionsleiters gehört, hat lange nach einem passenden Gelände für die gegenwärtigen Aufnahmen gesucht. Es kam darauf an, eine Landschaft ausfindig zu machen, die mit möglichst geringem Aufwand „afrikanisiert“ werden konnte. Das wichtigste war aber eine eingleisige Bahnstrecke, deren fahrplanmäßiger Verkehr die filmische Beanspruchung erlaubte. Bei Offensen wurde die passende Strecke entdeckt, dann setzten Verhandlungen mit Ministerien und mit der Reichsbahndirektion ein. Die Reichsbahn hat nicht nur ihre Strecke zur Verfügung gestellt, sie hat auch Lok und Wagen für den „Kongo-Expreß“ geliefert. [...]


Die ehemalige Trasse der Allertalbahn direkt bei „Mondombe“...
...und kurz vor der Haltestelle Offensen (Bahnstation „Lukanga“)

Der detaillierte Bericht aus der Celleschen Zeitung vom 18. August 1939, der hier bereits so oft bemüht wurde, beinhaltet noch weitere Informationen zu den beginnenden Dreharbeiten:

Adalbert von Schlettow auf dem Kongo-Expreß.
Mehrere hundert Meter weiter am Schienenstrang glaubt man sich wieder nach Innerafrika versetzt. Wo sonst immer unsere gewöhnlichen Züge fahren, hält eine mächtige Lokomotive mit einem Rauchfang auf dem Schornstein und mit einem großen Schutzgitter am Kesselbug. Dahinter sind weiße Wagen gekuppelt. „Mondombe - Kanombe“ heißt die Inschrift in großen roten Lettern an der weißen Wagenwand, und daneben ist zu lesen: „Chemin de Fer Colonial Du Bas-Congo“. Der Kongo-Expreß!

Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 19. August 1939
Fotograf: Walter Redlich
Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 19. August 1939
Fotograf: Walter Redlich

Auf dem Führerstand steht Hans Adalbert von Schlettow, der Lokomotivführer, und ihm zur Seite ein waschechter Neger, Viktor Bell, der als Heizer fungiert. Soeben sollen die Aufnahmen beginnen. Zischend strömt der Dampf aus der Lok, und dann rollt sie mit den Wagen davon, während im Zuginneren Regisseur, Kameramann und Schauspieler an den ersten Szenen arbeiten. 
Die drei Hauptdarsteller Willy Birgel, Marianne Hoppe und René Deltgen
Der neue Ufafilm „Kongo-Expreß“ ist begonnen worden. Die Hauptdarsteller sind Marianne Hoppe, Willy Birgel und René Deltgen, alles Schauspieler, die bei uns von der Leinwand her längst bekannt sind und sich die Herzen des Publikums erobert haben, die aber nun wirklich einmal selbst im Kreise Celle weilen und hier an einem neuen Filmwerk arbeiten. Das Drehbuch ist von Ernst von Salomon und Eduard von Borsody nach einer Idee von Johanna Sibelius. Für die Bilder ist Werner Krien verantwortlich, für die Bauten A. Weber. Die Herstellungsleitung hat Georg Witt und die Spielleitung Eduard von Borsody.
Der Kongo-Expreß mit seinen luxuriös ausgestatteten Wagen ist unseren Blicken entschwunden. Aber immer noch umgibt uns die kleine Phantasielandschaft Afrikas. Sie wird noch mehrere Tage hier stehen, mit ihrem seltsamen Kontrast zu Birken, Fichten und Heide unserer engeren Heimat, denn die Arbeiten der Filmleute werden noch mehrere Tage lang dauern. Eins ist sicher: Auf den Film „Kongo-Expreß“ werden die Volksgenossen aus Stadt und Land Celle besonders gespannt sein.


Soweit also diese erste Berichterstattung über die gerade begonnenen Dreharbeiten. Die Cellesche Zeitung bleibt auch in den darauf folgenden Tagen am Ball und berichtet fast täglich. So liest man bereits am nächsten Tag (Samstag, 19. August 1939) unter der Überschrift „Rund um den Kongo-Expreß“ folgendes:

Über Palmen und Heide funkelt die heiße Augustsonne. Fürwahr, die Lüneburger Heide und Zentralafrika kommen sich merklich näher. Ein Bahnbeamter wischt sich seufzend die Stirn, da tönt ein Bimmeln durch die Stille und um die Waldecke biegt der „Kongo-Expreß“, zur Zeit der einzige Tropenzug im Reich und unser größtes Lokalwunder.
Ein letzter, lauter Schnaufer, und die Lokomotive hält. Dem Zug entsteigt ein braungebrannter Mann, die haarigen Arme bis zu den Schultern frei, eine Hutruine auf dem verbrannten und verrußten Gesicht und eine blaue Werksmontur an. Hinter ihm her kommt ein zweiter Mann, braunschwarz, mit einem sehr porösen Netzhemd und einem noch fragwürdigeren Hut: Hans Adalbert von Schlettow, im Film als Lokomotivführer des „Kongo-Expreß“ und sein getreuer Heizer Viktor Bell, ein richtiger Kamerunneger, aber ebenfalls alter Filmhase.
Hans Adalbert Schlettow
Ein Plauderstündchen. Noch ist ja der Betrieb nicht allzu stürmisch, und dann die Hitze, also: eine Ruhepause mit Klönsnack angenehm! Man erkennt bald, daß in der rußigen Hülle Schlettows ein großer und sympathischer Künstler steckt. Er erzählte uns von seinen diesjährigen Arbeiten, die viele Reisen kreuz und quer durch das Reich erforderten, und er sprach dann auch von dem jetzigen Film und von seinen Eindrücken, die er bereits von Land und Leuten unserer engeren Heimat gewonnen hat. Stets drängt es ihn, tiefer in die Eigenarten der Landschaften und Menschen einzudringen, als der flüchtige Reisende, denn gerade sein Beruf setzt ja ein feines Empfinden, eine gute Beobachtungsgabe und psychisches Einfühlungsvermögen voraus. Es war ehrlich gemeint und das Urteil eines weitgereisten und vielerfahrenen Mannes: die alte Herzogstadt Celle und seine Umgebung sind bezaubernd schön! [...]

Die Dreharbeiten einerseits, die Anwesenheit bekannter Schauspieler andererseits, sorgten unter der hiesigen Bevölkerung für reichlich Gesprächsstoff. Auch wurde wohl jede Gelegenheit gern genutzt, um einen Blick auf die Stars zu werfen oder sich vielleicht sogar ein Autogramm von ihnen zu besorgen - damit jedenfalls endet der Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 19. August 1939:

[...] und von allen Seiten lispelt es liebreich und verschämt: „Ach bitte, bitte ein Autogramm!“ Seufzend zückte Hans-Adalbert seinen Füller und schrieb und schrieb, bis der Tintenvorrat erschöpft war. [...]

Brückenbauwerk der Allertalbahn zwischen Wienhausen und Offensen

Übers Wochenende nutzen viele Celler die Gelegenheit, sich zum Drehort zu begeben und dem regen Treiben einmal ganz nah zu sein. Der Redakteur Walter Redlich berichtet darüber am Montag, 21. August 1939, unter der Überschrift „Kleine Völkerwanderung nach Offensen“:

Laubfrosch und Barometer haben sich jetzt für längere Zeit auf „Schön Wetter“ eingestellt. Lange hat der Sommer gezaudert, aber jetzt dehnt sich der Himmel in wolkenloser Bläue, und die Sonne funkelt, daß die Teerdecken der Straßen butterweich werden, und alles, was da kreucht und fleucht, nach Kühlung lechzt.
Am gestrigen Sonntag herrschte eine fast tropische Hitze. Sie kam den Filmleuten von der „Ufa“ am Bahnhof Offensen gerade recht, denn die afrikanisch maskierte Landschaft am Schienenstrang des Kongo-Expreß brauchte auch eine afrikanische Sonne. Weniger recht war das den vielen Schaulustigen, die von den umliegenden Ortschaften und Celle nach dem Schauplatz der Aufnahmen eilten. Schon am frühen Vormittag sah man die Stahlroß-Karawanen auf den Landstraßen, und am Nachmittag setzte eine regelrechte Völkerwanderung ein. Familienweise gruppiert, zogen die Radfahrerkolonnen dahin, und auf den schmalen Fahrstreifen der Feldwege herrschte manchmal ein beängstigendes Gedränge.
Bahnpolizei sperrte das Aufnahmegelände ab. Es ist ja selbstverständlich, daß im Bildfeld der Aufnahmekamera, mitten zwischen Palmen und Urwalddickicht, nicht unvermittelt der Kopf eines braven Heidjers oder eines neugierigen, blonden Dreikäsehochs erscheinen darf, denn das wäre keinesfalls milieugerecht. Also mußten sich die Zuschauer auf einige freigegebene Durchblicke zusammendrängen. Sie wurden aber trotzdem für die Mühen und den Schweiß der Anfahrt reich belohnt, denn was sie zu sehen bekamen, war wirklich nicht alltäglich. In schneller Fahrt brauste der „Kongo-Expreß“ über die Schienen. Ein schnittiger Doppeldecker überholte ihn und umkreiste die Lokomotive, um Notsignale zu geben. Diese Szene wurde vom Zuge aus gefilmt, und zwar saß ein Kameramann eng an den Kessel der Lokomotive geschmiegt, sich und seine Kamera schwarz getarnt, um nicht im Bild einer zweiten Kamera, die vom Zugende aus Aufnahmen machte, hervorzustechen.
Die Aufnahme mit Expreß und Flugzeug füllte den ganzen Sonntag aus. Für die Männer vom Film war es ein heißer und anstrengender Arbeitstag, der an die ganze Arbeitsgemeinschaft, vom Produktionsleiter bis zum letzten Mann vom Bau, hohe Anforderungen stellte. Angenehmer war es schon für die Komparsen, die am Morgen aus der Mitte der Schaulustigen ausgewählt und in schöne Uniformen mit Tropenhelmen gesteckt wurden. Sie durften mit dem Zuge fahren und aus den Fenstern schauen. Das schöne Erlebnis werden sie wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben nicht vergessen, und im Kreise Celle wird noch nach vielen Jahren ein Junge oder Mädel mit Stolz sagen: „Großpapa war einmal Filmschauspieler!“


Weiter geht die Berichterstattung über den Filmdreh am Mittwoch, 23. August 1939. Auf Seite 5 der Celleschen Zeitung von diesem Tage erfährt man Folgendes:

Station Lukanga. Willy Birgel im Offenser Aufnahmegelände.
„Lukanga“ steht auf einem kleinen Schild vor einem primitiven Stationsgebäude aus Balken und Bretterwerk geschrieben. Grell scheint die Sonne auf die weißgetünchten Wände, unbewegt stehen die Palmenwipfel, und die Luft über den Schienen flimmert vor Hitze. Es ist afrikanischer denn je am Bahnhof Offensen. 
„Lukanga“ ist eine kleine Station irgendwo im Kongogebiet. Auf Baumstämmen sitzen einige Kolonialoffiziere und Farmer, mit Khaki oder weißem Flanell bekleidet und die Tropenhelme in das Genick geschoben. Die Gesichter sind gebräunt, aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man in ihnen waschechte Cellenser. Es sind die Komparsen, von der Ufa für die Aufnahmen angeheuert. Sie sind aber diesmal nicht dran und dürfen sich ungestört in ihre neue Rolle hineinleben. Die Szene verlangt jetzt exotische Komparsen, Eingeborene. Neger und Mischlinge klettern aus dem Eingeborenen-Abteil des Expreßzuges und bevölkern das Bahnhofsgelände. Männer, Frauen und Kinder in buntem Durcheinander, in lose Tücher oder billige Kleidchen gehüllt, ganz so, wie in Afrika. 
Zum ersten Male tritt bei diesen Außenaufnahmen Willy Birgel in Aktion. Kamera und Mikrophon sind in Stellung gebracht, Regisseur und Aufnahmeleiter haben Ordnung geschaffen und ein milieugerechtes Bild entstehen lassen. Eingeborene Lastenträger schleppen große Warenballen, zwei Frauen mit Glutaugen und rabenschwarzem Haar stehen vor dem Stationsgebäude, noch einmal hat der Aufnahmeleiter die Zuschauer ermahnt, jedes Sprechen und Räuspern zu unterlassen, da ruft der Regisseur zur Aufnahme. Um die Ecke des Stationsgebäudes keucht ein Fordwagen und bleibt mit quietschenden Bremsen vor dem Hause stehen. Neugierig treten die beiden Frauen hinzu, aber ohne auf sie zu achten, springt der Fahrer Viktor (Willy Birgel) aus dem Wagen und eilt mit einer Handtasche auf die Tür des Stationsgebäudes zu. [...]

Filmplakat
(Link zum Originalbild)


Der Haltepunkt Offensen (Bahnstation Lukanga) heute
Impressionen vom ehemaligen Haltepunkt Offensen (März 2012)

Am Donnerstag, 24. August 1939, wurde eine der wichtigsten Szenen in Offensen gedreht. Dazu schreibt Walter Redlich an darauf folgenden Tag unter der Überschrift „Dramatik am Schienenstrang“:

Ein großer Filmtag mit dem „Kongo-Expreß“
Der Film ist nach einem Zug benannt, und darum ist es klar, daß in der Handlung einem Zuge besondere Bedeutung zukommt. Hier wird er zu einer unerhörten dramatischen Steigerung des Geschehens benutzt, wie wir schon kurz aus dem Handlungsverlauf berichtet haben.
Gestern war Großkampftag in Offensen. Der pralle Sonnenschein mußte genutzt werden. Am Nachmittag konnten die Zuschauer bei dem Übergangswege am Palmenwäldchen sensationelle Aufnahmeszenen erleben. Dicht an den Schienen war die Kamera aufgebaut worden, wenige Meter vor dem Flugzeug, das zwar ausgedient hatte und abgewrackt war, aber dennoch einem ganz besonderen Verwendungszweck zugeführt werden sollte.
Diesmal mußten die Zuschauer noch weiter zurücktreten. Am Schauplatz der Handlung selbst waren Celler Feuerwehrmänner zu finden, die einige Schlauchleitungen herangeführt hatten und sie löschbereit hielten. Endlich waren die Vorbereitungen zur Aufnahme abgeschlossen. Der Aufnahmeleiter winkte, das Signal wurde an den hinter der Kurve haltenden „Kongo-Expreß“ weitergegeben, und dann hörte man in der Ferne den Pfiff der Lokomotive: Abfahrt! Fauchend kam sie heran, da stießen Männer das schräggestellte Flugzeug über die Schienen und zündeten es an. Hohe Flammen schlugen aus dem Rumpf, mit gewaltigem Zischen bremste die Lokomotive und hielt, knapp vor den brennenden Flugzeugtrümmern. Szene aus!

Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 24. August 1939
Fotograf: Walter Redlich
Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 24. August 1939
Fotograf: Walter Redlich

Die Feuerwehrmänner löschten das Flugzeug ab. Es war nach der sehr strapaziösen Behandlung noch wracker geworden, mußte sich jedoch wiederum notdürftig zurechtbiegen lassen, damit die Aufnahme wiederholt werden konnte.

Wieder kam der „Kongo-Expreß“ angebraust, stürzte das Flugzeug brennend über die Schienen. Eine Kleinigkeit später bremste der Zug, so daß der Schienenräumer den Flugzeugrumpf noch einige Meter vor sich herschob. So war das Bild in Ordnung, jetzt der Gegenzug in Szene. Hierzu genügte eine weitere Lokomotive, die knapp vor der Unfallstelle durch die aufgeregten Insassen des Expreßzuges zum Stehen gebracht wurde. 
Wenn wir den Film im Lichtspielhaus sehen werden - Mitte Dezember etwa soll er fertig sein -, dann erleben wir mit diesen Szenen einen dramatischen Höhepunkt der Handlung: der Zusammenstoß zweier Züge scheint unvermeidlich. Ein Flugzeugpilot opfert sich, um die Katastrophe zu verhindern. Er kommt dabei ums Leben, aber das fast unvermeidlich scheinende wird in letzter Sekunde verhütet.

Copyright Anton-Weber-Nachlass, Schellerten.

Kilometerstein am ehemaligen Bahndamm

Dies ist der letzte Bericht der Celleschen Zeitung über die Dreharbeiten. Am Mittwoch, 30. August 1939, erschienen noch einmal zwei große Fotos unter der Überschrift „Rast nach Mondombes Hitze“: zum einen „Die Filmschaffenden bei der Mittagsrast in Wienhausen“, zum anderen „Willy Birgel und Regisseur von Borsody im Gespräch“:

Foto zum Artikel aus der Celleschen Zeitung vom 30. August 1939
Fotograf: Walter Redlich


In den folgenden Tagen und Wochen machen andere Ereignisse Schlagzeilen, denn nur zwei Tage nach dem Erscheinen dieser idyllischen und friedlichen Fotos mit den Schauspielstars, am 1. September 1939, beginnt mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Nachdem die Filmleute also ihre Arbeit in Offensen erledigt hatten, folgten noch weitere Außenaufnahmen für den „Kongo-Express“ auf dem Flugplatz Trebbin in Brandenburg, sowie weitere Studiodrehs bis Ende Oktober 1939 in der Ufastadt Neubabelsberg. Am 15. Dezember 1939 hat der „Kongo-Express“ schließlich Uraufführung im Berliner „Ufa-Palast am Zoo“.



Trotz der Kriegsgeschehnisse läuft der Film schon wenig später auch im Aus- und Feindesland, so startet er im April 1940 in Dänemark, im Mai 1940 in den USA, und Ende Oktober 1941 in Schweden.
Nach dem Krieg, Ende 1949, kommt der „Kongo-Express“, in einer um zwei Minuten gekürzten Fassung, noch einmal in die deutschen Kinos. Seitdem ist es still um diesen Film geworden; nur in den 1990er Jahren wurde eine Videoversion (VHS-Kassette) in kleiner Auflage produziert. Bis heute gibt es keine DVD.






Auf der Internetseite www.steinercelle.de gibt es Fotos, die den Streckenverlauf der Allertalbahn bei Offensen und den Haltepunkt Offensen zeigen - genau den Ort, an dem vor mehr als 70 Jahren für eine Woche die Bahnstation „Lukanga“ existierte. Die Fotos verdeutlichen auch sehr schön den charakteristischen sehr langen und geraden Streckenverlauf, der dafür ausschlaggebend war, dass gerade dort gedreht wurde.

Eine alte Haltepunkttafel und eine Pfeiftafel direkt vor dem ehemaligen Haltepunkt Offensen

Hier findet man einen weiteren interessanten Erlebnisbericht zum Geschehen rund um die damaligen Dreharbeiten: http://www.heimataller.de/KongoExpress-Allerbahn.jpg

Ein weiterer Bericht über die Dreharbeiten zum "Kongo-Expreß" findet sich auf dem Blog "Found Places" von Hendrik Altmann: Der Kongoexpress - Afrika bei Wienhnausen

In der Celleschen Zeitung vom 19. Dezember 2014 erschien der folgende Artikel über den Kongo-Express von Florian Friedrich:

Bericht aus der Celleschen Zeitung vom 19. Dezember 2014


Quellen: Text „Kongo-Expreß und Urwalddorf Mondombe in der Heide“ von Hans-Jürgen Tast aus „Celler Chronik 16“, Seiten 143-154; Artikel aus der Celleschen Zeitung wie angegeben. Fotos: eigene (März 2012); Scans der Fotos aus der Celleschen Zeitung: Florian Friedrich