Mittwoch, 22. Februar 2012

Das „Eierhäuschen“ in Berlin-Treptow


Wenn man heute am Treptower Spreeufer, am Rande des Plänterwaldes entlang geht, kommt man unweigerlich an zwei historisch bedeutsamen Orten vorbei. Da ist zum einen der ehemalige Freizeitpark, der seit der Jahrtausendwende in einen Dornröschenschlaf gefallen ist. Das riesige Areal ist umzäunt und darf nicht betreten werden, man kann es jedoch sehr gut zu Fuß umrunden und dabei viele der einstigen Attraktionen erspähen. Hier sei vor allem das Riesenrad genannt, das den Park seit dem 40. Jubiläum der DDR weithin sichtbar überragt. Wer sich für den Spreepark Plänterwald interessiert, findet dazu hier weitere Informationen.

Der andere vergessene Ort ist das „Eierhäuschen“. Ein wenig hinter den großen, alten Bäumen verborgen, etwas weiter vom Ufer entfernt, steht ein imposantes Gebäude mit markanter Architektur. Aus der Entfernung offenbart sich der desolate Zustand dieses Hauses nicht sofort, dafür sticht aber auch hier der unschöne Bauzaun ins Auge. Aus der Nähe betrachtet, werden die Schäden eines langen Leerstandes sichtbar…

Das Eierhäuschen im Februar 2012
Zu seiner Blütezeit war das „Eierhäuschen“ ein beliebtes und nicht unbedeutendes Berliner Ausflugslokal, dessen Anfang auf eine kleine Schifferkneipe zurückgeführt wird, die in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts auf dem ehemaligem Gutsacker hinter dem Kienwerder aus dem Wächterhäuschen, einer Holzablage an der Spree, entstand.

Zur weiteren Geschichte erfährt man aus der Broschüre „PRO Plänterwald“:

[…] War es zunächst nur von der Wasserseite besucht, unternahmen bald immer mehr Treptower Gäste einen Waldspaziergang dahin, zu einem romantisch gelegenen, alters-schwachen Häuschen, das von noch älteren Weiden und Pappeln beschattet wurde. Am 31. Juli 1869 brannte es ab. Daraufhin erließ der Berliner Magistrat dem Pächter die Abgaben für anderthalb Jahre unter der Bedingung, dass er den Neubau auf eigene Kosten durchführe und ihn nach Ablauf des Vertrages der Stadt überlasse. Gemäß diesem Abkommen ging das Eierhäuschen 1876 für 17.000 Mark in den Besitz der Stadt Berlin über. Aber auch der vom Pächter ausgeführte Neubau fiel 1890 einem Brand zum Opfer. An gleicher Stelle wurde 1892 der noch heute stehende Massivbau errichtet. Bis 1960 war das Restaurant geöffnet. Danach wurde es zweckentfremdet genutzt. 1973, anlässlich der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten entschloss man sich, es wenigstens teilweise wieder seiner eigentlichen Bestimmung zurückzugeben.
Danach verfiel das Gebäude zusehends, obwohl es 1978 unter Denkmalschutz gestellt wurde. 1990 wurde es endgültig geschlossen. […]

Ansichtskarte aus dem Jahr 1899
Ansichtskarte aus dem Jahr 1900
Zur Entstehung des seltsamen Namens des Lokals existieren zwei Theorien: entweder weil der Wächter der Ablage nebenbei Eier an die Spreeschiffer verkaufte, oder weil der Preis beim jährlichen Anrudern auf der Spree aus einem Schock (=5 Duzend) Eier bestand [andere Quellen geben als Preis 1 Mandel (=15 oder 16 Stück) Eier an], der dem Sieger vom Wirt überreicht wurde. Es ist also nicht vollkommen geklärt, weshalb die Spreeschönheit so sonderbar benamst, wie es bei Theodor Fontane heißt.
Fontane übrigens ist nicht ganz unschuldig an der Bekanntheit des „Eierhäuschens“, denn es ist Schauplatz eines Kapitels in seinem Roman „Der Stechlin“, der in den Jahren 1895 bis 1897 entstand. Somit gehen Fontanes Schilderungen auf die heute noch existierende dritte Version des „Eierhäuschens“ zurück, die, wie bereits erwähnt, 1891/1892 nach Entwürfen von Karl Frobenius erbaut wurde.


Lassen wir uns doch kurz in diese Zeit zurückfallen, indem wir den Schilderungen Fontanes folgen (aus „Der Stechlin“, 14. Kapitel):
[…] „Es ist doch weiter, als ich dachte“, sagte Melusine. „Wir sind ja schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glück, daß wir Decken mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder gibt es auch Zimmer da? Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu sechs in einem Eierhäuschen Platz haben“.
„Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling aus Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung. Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes „Lokal“, und wenn uns die Lust anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten. Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen“.
„O weh! Ein Palazzo“, sagte die Baronin und war auf dem Punkt, ihrer Mißstimmung einen Ausdruck zu geben. Aber ehe sie dazu kam, schob sich das Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg, über den hinweg man, einen Uferweg einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt. Dieser Uferweg setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht hatte, jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil die wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich im „Eierhäuschen“ selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter flußaufwärts. […]

Und weiter im 15. Kapitel:

[…] Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien auch ein Kellner, um ihre Bestellungen entgegenzunehmen. Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies, darauf „Wiener Würstel“ und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort „Löwenbräu“ stand. In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich versichernd, „daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke“.  […]

Ansichtskarten um 1900

Soweit also die Beschreibung des „Eierhäuschens“ aus Fontanes „Der Stechlin“. Doch das „Eierhäuschen“ ist den Berlinern schon viel früher ein Begriff, so erfährt man z. B. aus dem „Reisetaschenbuch für Berlin“ von L. Freiherr von Zedlitz aus dem Jahre 1831 über das erste „Eierhäuschen“ Folgendes:
„Eierhäuschen, (das), heisst ein Etablissement des Kowski an der Spree, unfern Treptow, in einem sehr lieblichen Wiesen- und Waldgrunde; früher war hier eine Schiffsablage.“


20 Jahre darauf ist in Alexander Cosmar’s „Neuester und vollständigster Wegweiser durch Berlin und Potsdam für Fremde und Einheimische“ zu lesen:
„Das Eierhäuschen, ein bescheidenes Etablissement an der Spree, hinter Treptow, gewöhnlich das Ziel von Wasserpartieen.“


Zu dieser Lageskizze ist Folgendes vermerkt: „Weiter nach Osten hin liegt, an dem in nächster Zeit dem Publicum zu eröffnenden Plänterwald, das sogen. Alte Eierhäuschen, 1892 in der jetzigen Form errichtet. Es enthält in dem Hauptgebäude eine größere Wirthschaft sowie im Obergeschoß Zimmer zur Aufnahme von Sommergästen. Eine bedeckte Halle schließt mit dem Hauptgebäude einen großen, längs der Spree sich hinziehenden Garten ein.“


Um diesen Ausflug in die Literatur abzuschließen, zitiere ich noch einen Brief von Theodor Fontane an seine Tochter Martha, den er am 11. Juli 1884 geschrieben hat (aus „Theodor Fontane und Martha Fontane – Ein Familienbriefnetz“ von Regina Dieterle):
„Berlin 11. Juli 84. Meine liebe Mete. Hoffentlich ist Dir die Partie gut bekommen (ich schreibe, eh Mama zurück ist) und diese Zeilen finden Dich in guter Stimmung und Gesundheit. „Eierhäuschen“ hat für eine Abendpartie etwas Anheimelndes und ich sehe am Wasser hin weißgedeckte Tische stehn, auf denen das Schnittlauch-Rührei lacht. Theo’n hab‘ ich in Toast-Verdacht und kann nur wünschen, daß das Eierhäuschen sich neben Pichelswerder, die Spree neben der Havel behauptet. […] Papa.“

Ansichtskarte ca. 1905
Ansichtskarte ca. 1910

Im Jahre 1902 wurde das Gebäude um einen Saal und eine Veranda erweitert, und in diesem Zustand bis ins Jahr 1960 hinein als Ausflugslokal genutzt. Danach wurde es zweckentfremdet und diente z. B. zeitweise als Requisitenkammer des Fernsehfunks.

Das Eierhäuschen im April 1960

1969 entstand in direkter Nachbarschaft zum „Eierhäuschen“ der Vergnügungspark „Kulturpark Plänterwald“. Dieser Nachbarschaft ist es wohl zu verdanken, dass man sich zwischen 1970 und 1973 auch dem „Eierhäuschen“ annahm und es in Teilen rekonstruiert und umgebaut hat. Von nun an gehörte das Ausflugslokal mit zur Liegenschaft des „VEB Kulturpark Berlin“, obwohl es außerhalb dessen Umzäunung lag. Und genau dieser Sachverhalt hat bis heute fatale Folgen für das „Eierhäuschen“.

1991 wird der „VEB Kulturpark Berlin“ durch den Berliner Magistrat abgewickelt und die „Spreepark Berlin GmbH“ wird neuer Eigentümer, deren Geschäftsführer ist Norbert Witte. In den nun folgenden acht Jahren baut Witte den Vergnügungspark schrittweise zu einem Freizeitpark nach westlichem Vorbild um, muss jedoch 1999 Insolvenz anmelden.

Der Freizeitpark ist seit 2002 nicht mehr für Besucher geöffnet und verwahrlost seitdem. Durch die Zuordnung zur Liegenschaft Spreepark ereilte auch das „Eierhäuschen“ das gleiche Schicksal. Eine vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossene Herauslösung der Immobilie aus dem insolventen Spreepark wurde seitens des Berliner Senats nicht umgesetzt, da man sich so größere Vermarktungschancen für die Spreepark-Fläche erhofft.

Die Stiftung Denkmalschutz Berlin will sich nun dafür einsetzen, dass erneut geprüft wird, wie ein separater Verkauf des „Eierhäuschens“ realisiert werden kann, da das denkmalgeschützte Gebäude immer weiter verfällt und wohl schon bald nicht mehr zu sanieren sein wird.

Das Eierhäuschen im Februar 2012
Bleibt zu hoffen, dass das „Eierhäuschen“ diese letzte Chance bekommt, und dass es dann wieder im neuen, alten Glanz erstrahlt!

Zum Schluss nun doch noch ein letztes Zitat aus der Literatur, diesmal aus dem Roman „Krokodil im Nacken“ von Klaus Kordon (2002):
[…] Ihr Lieblingsplatz aber war die längst außer Betrieb genommene  Dampferanlegestelle vor dem Alten Eierhäuschen, einem über Generationen hinweg sehr beliebten, inzwischen halb zerfallenen und seit ewigen Zeiten geschlossenen Ausflugslokal am Plänterwald. Ob Sommer oder Winter, stundenlang standen sie eng umschlungen auf der alten Anlegebrücke und sahen zu den Lichtern vom Kraftwerk Klingenberg hinüber, die sich in der nachtschwarzen Spree widerspiegelten. War es eine wolkenlose Nacht, blinkten am Himmel so ungeheuer viele Sterne, dass sie das Staunen überkam. […]


Die beiden Giebel mit dem Namen und dem Berliner Wappen
Die Rückseite des Gebäudes

Zerstörte Fenster, Februar 2012
Die Infotafel am Gebäude

Weitere sehr interessante Bildergalerien zum „Eierhäuschen" findet man hier: Verfallendes, hier: Berliner-Spreepark und hier: modernruins.

Quellen: Wikipedia; modernruins.de; beermannkiez.de; pro-plaenterwald.de; Fotos: eigene (Februar 2012)