Samstag, 6. März 2010

Schloß Tylsen in der Altmark

Das „Neue Schloß“ Tylsen (auch Tilsen) wurde 1620 bis 1621 von Thomas von dem Knesebeck im Renaissancestil erbaut. Es überstand alle großen Kriege – auch die Wirren des Zweiten Weltkriegs – unbeschadet, wurde nach Kriegsende allerdings mutwillig zerstört.


Aus der Sammlung Duncker (Der Verleger Alexander Duncker [1813-1897] gab fast 1000 Ansichten von Schlössern und Rittersitzen in Preußen heraus, hochwertige farbige Lithographien, dazu erläuternde Texte zu den jeweiligen Schlössern, ihrer Geschichte und zu den in ihnen wohnenden Familien) erfährt man interessante Details zur Geschichte des Schlosses Tylsen:

Seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts auf der alten Burg zu Tilsen und auf der angrenzenden Burg zu Wallstawe im sogenannten Hans-Joachims-Winkel der Altmark angesessen, kaufte 1354 der aus dieser Linie (die rothe Greifsklaue im Wappenschilde) stammende Paridam von dem Knesebeck zu Tilsen zugehöriges Land und Unterthanen von Gebhard von Alvensleve, welcher bis dahin ebenfalls in dieser Gegend ansässig gewesen zu sein scheint.



Bis zum Jahre 1375 wird nur eine Burg von Tilsen genannt, „dann aber wurde eine zweite erbaut, deren Wall späterhin mit Pallisaden und Doppelhaken bekränzt wurde", und wohnten auf beiden Häusern bis 1726 zwei Familien.Während der fortwährenden Fehden zwischen den Lüneburger Herzögen, den Markgrafen von Brandenburg und den Bischöfen von Magdeburg vielfach belagert und namentlich am Beginn des dreissigjährigen Krieges von den Kaiserlichen „fürchterlich" geplündert, wurde durch Thomas von dem Knesebeck, Landeshauptmann der Altmark, Churbrandenburgischen Geheimrath, 1621 das jetzt bestehende neue Schloss auf der Stelle der zweiten Burg erbaut, während die gleichfalls noch vorhandene alte Burg zu wirthschaftlichen Zwecken benutzt wird.
Ueber dem Portal des neuen Schlosses befindet sich nachstehende Inschrift:
„Anno Domini 1621 domum hanc Thomas a Knesebeck Veteris Marchiae Praeses non sibi, jam seni capulari et ad migrandum accincto, sed filiis suis et qui futuri sunt posteris cum bono Deo a fundamentis exstruxit et in suae pro illis sollicitudinis memoriam reliquit: qua ut in hac peregrinationis valle utantur et ad coelestem patriam semper creati ac intenti sint, hortatur ac precatur, cum hoc voto eos valere acsequi jubet."


Die Besitzer des Schlosses zu Tilsen haben vielfach höhere Aemter sowohl in Churbrandenburgischen als Lüneburgischen Staats- und Kriegsdiensten bekleidet, und starb die eigentliche Tilsener Linie (Greifsklaue) mit dem Domherrn Krafft Paridam von dem Knesebeck 1822 aus, wodurch das Gut (nachdem es durch Gesetzgebung der Westphälischen Regierung aufgehört hatte, ein Lehn zu sein) auf den späteren Feldmarschall Carl Friedrich von dem Knesebeck, als nächsten Agnaten, und dessen Descendenz überging.

Das Schloss Tilsen, in seinen Mauern bis zum Dache hinauf von Granit-Feldsteinen aufgeführt, ist durch den jetzigen Besitzer, Alfred von dem Knesebeck, Königlichen Rittmeister a. D., in den Jahren 1854-56 von Grund aus renovirt worden. Zu den Merkwürdigkeiten der gegen 4000 Morgen grossen Fläche des Rittergutes Tilsen gehören die auf der Feldmark des Vorwerks Wötz befindlichen grossen Hünengräber, deren eines 130 Schritte lang und 20 Schritte breit, auf einer Anhöhe gelegen, sich durch die kolossalen Dimensionen der dabei verwendeten Granitblöcke auszeichnet.



Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin hat die gesamte Sammlung Duncker in digitalisierter Form auf ihren Internetseiten zur Verfügung gestellt. Sie ist unter folgendem Link zu erreichen: http://www.zlb.de/digitalesammlungen/index.php?collection=1

Zum Ort Tylsen erfährt man bei Wikipedia folgendes:

Die Gründung des Dorfes wird den Slawen zugerechnet, die Tylsen um 800 besiedelten. Zur ersten urkundlichen Erwähnung von Tylsen kam es 956, als Otto I. dem Stift Quedlinburg sechs Dörfer schenkte, darunter das mit Tylsen identische Tulci. Noch 1178 befand sich Tylsen im Besitz des Stiftes, später kam das Kloster St. Ludgeri in Helmstedt hinzu und 1238 bestanden in Tylsen Lehen der Grafen von Osterburg. Letztere wurden von den von Alvensleben abgelöst, denen schließlich 1354 die von dem Knesebeck folgten. Diese lüneburg-altmärkische Familie hielt sich bis zur Enteignung von 1945 in Tylsen auf und brachte zahlreiche hohe preußische Beamte und Offiziere hervor. Angelegt wurde Tylsen ursprünglich als Platzdorf, entwickelte sich aber durch den Bau einer Burg und den Zuzug von Bauern zu einem Straßendorf. Die Burg entstand von 1134 bis 1170 im Nordwesten der Ortschaft. An ihre Stelle traten später Wirtschaftsgebäude und auch das 1620–21 erbaute sogenannte „Neue Schloss“, ein prachtvolles Renaissance-Schloss, welches leider nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

[Abb. aus dem Heft "Schlösser und Gärten in Sachsen-Anhalt Tylsen"
von der Deutschen Gesellschaft in Sachsen-Anhalt e.V.]

[Abb. aus dem Heft "Schlösser und Gärten in Sachsen-Anhalt Tylsen"
von der Deutschen Gesellschaft in Sachsen-Anhalt e.V.]




Auf der Internetseite www.altmarkgeschichte.de findet sich die Abschrift eines interessanten Vortrags von Ulf Frommhagen, in dem auch das Schloss Tylsen Erwähnung findet:

Der umfassendste Eingriff in die verbliebene aber immer noch reiche Baukultur der Altmark ist die Enteignungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg und die anschliessende weitgehende Vernachlässigung der Gebäude. Der in der Nachkriegszeit fortschreitende Verfall der ostdeutschen Kulturdenkmäler war beabsichtigt. Mit der Aktion "Krieg den Palästen", so der inoffizielle Slogan, begann eine beabsichtigte Zerstörung der Herrenhäuser in Ostdeutschland. Unter dem Vorwand, Baumaterial aller Art für Neubauernstellen gewinnen zu wollen, hatten der Parteivorstand der SED und die Landesregierungen in den vierziger Jahren die Weisung herausgegeben, möglichst viele Gutshäuser und Schlösser zu schleifen.
Die offizielle Grundlage dafür war der Befehl 204 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom 9. September 1947.Doch dessen hätte es gar nicht bedurft, die deutschen Kommunisten hatten in vorauseilendem Gehorsam bereits begonnen, Schlösser zu zerstören, um, wie sie es nannten, den "Rest des Junkertums" auszurotten. Dabei ging es nur noch um die Frage Abreissen oder Abfackeln. Vorwand für die Zerstörung war der Befehl von Marschall Sokolowski, er hatte den ostdeutschen Landesregierungen den Bau von 37.000 Häusern in den Neubauernwirtschaften befohlen. Ideologisch verklärt wurden Schreckensbilder über die Angehörigen des Adels in der deutschen Geschichte aufgebaut. Unterschiedslos wurden Angehörige der Aristokratie mit "Raubrittern, Militaristen und Faschisten" gleichgesetzt. Ihre Enteignung und die Vernichtung ihrer Gutshäuser feierten die Kommunisten als historische Tat.


In Tylsen, 15 km südwestlich von Salzwedel, fand eine der für die Altmark bedauernswertesten Tragödien einer völligen Destruktion eines in dieser Gegend einmaligen Renaissanceschlosses als Folge des o.g. Befehls 204 statt. […] Das Schloss wurde über viele Jahre geschleift und diente der allgemeinen Materialentnahme.

Letztendlich sind nur noch die Aussenmauern erhalten, an der Schaufassade Reste der nach Süden gerichteten Seitenrisalite und das Haupttor mit den Allianzwappen. Der um 1890 umgestaltete Gutspark ist wegen fehlender Pflege völlig verwildert. Bestrebungen von Einzelpersonen im Ort die Anlage zu sichern, inkl. Schlossgraben- und Parkrekultivierung, das Gesamtensemble zusammen mit dem Alten Schloss aufzuwerten und in würdiger Weise dem Fremdenverkehr zuzuführen, haben bisher nur zu Irritationen innerhalb der Gemeinde geführt. Die Fronten haben sich verhärtet, eine Einigung ist nicht in Aussicht.


Zufällig bin ich im Februar 2014 bei ebay auf dieses schöne Ölgemälde von Emil Groth gestossen. Es ist datiert aus dem Jahre 1934 und zeigt einen idyllischen Blick auf das Schloß:



Quellen u.a.: Wikipedia; www.altmarkgeschichte.de; www.zlb.de - Sammlung Duncker; Heft "Schlösser und Gärten in Sachsen-Anhalt Tylsen" der Deutschen Gesellschaft in Sachsen-Anhalt e.V.