Mittwoch, 17. März 2010

Schloß Schlobitten

Das Schloss Schlobitten beeindruckt selbst als Ruine noch heute Besucher, die den Weg in den längst verwilderten Schosspark finden. Abseits des kleinen Dorfes gelegen, umgeben von alten Bäumen, liegt dieser vergessene Ort.


Der Name des Ortes ist prußischen Ursprungs. Im Jahr 1525 fiel die Begüterung an Peter zu Dohna (1483 - 1552/53) und von 1589 bis 1945 befand sich hier der Hauptsitz der Linie zu Dohna-Schlobitten. Die Dohnas, ursprünglich in Sachsen beheimatet, kamen im 15. Jh über Schlesien als Ordensritter und Söldnerführer ins Land und bekamen Schlobitten für Ihre Verdienste vom Deutschen Orden verliehen.


Unter den alten Linden, gepflanzt 1625, die in Reihen auf das Schloss zuführten und von denen einige überlebten, lustwandelte einst auch Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher (1768 - 1834), als er in jungen Jahren von 1790 - 1793 Hauslehrer auf Schlobitten war.
Um ein wenig Einblick in diese Zeit zu erhalten, empfiehlt sich die Lektüre der folgenden Seiten aus dem Buch „Schleiermacher's Bildungsgang“ von Richard Freiherr von Kittlitz (1867):





Während der Eroberung Preußens durch Napoleon machte für kurze Zeit Marschall Bernadotte 1807 das Schloss zu seinem Hauptquartier. Letztlich nahm Kaiser Wilhelm II. hier häufig seinen Aufenthalt, wenn er zu den Jagden Fürst Richards zu Dohna anreiste.

Die ersten Dohnas wohnten im sogenannten "Neuen Haus", errichtet unter Achatius zu Dohna (1533 - 1601). Der nachfolgende Landsitz im Stil der Renaissance nach niederländischen Vorbildern des 17. Jhs. entstand 1621 - 1624 unter Abraham zu Dohna (1579 - 1631), Festungsbaumeister und daher selbst zur Planung befähigt. Das Haus wurde schon recht bald von den Schweden zerstört, aber wieder aufgebaut und bildete später das Mittelstück der barocken Erweiterung. Abraham zu Dohna ließ bereits 1627 einen Saal für seine umfangreiche Bibliothek anbauen.


Ansichtskarte (1919 gelaufen)

An dem hochbarocken Neubau eines Schlosses, in Auftrag gegeben von Alexander zu Dohna (1661 - 1728), an dem von 1696 bis 1736 gebaut wurde und der in der Hauptsache 1713 fertiggestellt war, waren zunächst die Baumeister Jean Baptist Broebes (geb. 1660), damals Festungsbaumeister in Pillau, und Johann Caspar Hindersin (1667 - 1738) beteiligt. Ab 1704 wurde der Bau außerdem beeinflusst von Joachim Ludwig Schultheiß von Unfried, dem Leiter des ostpreußischen Bauwesens, der den Mitteltrakt um ein niedriges Geschoss aufstockte. Man baute an das vorhandene Gebäude seitliche Galerien an, an die senkrecht zum Schloss Seitenflügel angefügt wurden. Als Besonderheit verzichtete man auf den zentralen repräsentativen Schlosseingang und ersetzte diesen durch zwei symmetrische Eingänge neben den Querflügeln.



Schlobitten wurde in eine repräsentative barocke Residenz umgewandelt, die mit ihrem weiträumigen Ehrenhof und den Gartenanlagen ihresgleichen in Ostpreußen suchte. Auch war es eines der ostpreußischen Königsschlösser, so genannt, weil sie die Aufgabe hatten, dem preußischen König bei seinen Reisen durch die Provinz als angemessene Herberge zur Verfügung zu stehen.

Zwei symmetrisch angeordnete rechteckige Schlossteiche – ehemalige Festungsgräben – mit einer steinernen Brücke auf der Fassadenachse bildeten den Abschluss. Der Verwaltungs- und Wirtschaftgebäudekomplex mit dem Haupttor, dem sog. Grauen Tor auf der Schlossachse, befand sich vor der Anlage. Parallel zum Schloss hatte man hier zwei Nebengebäude errichtet, im Nordosten senkrecht zwei Wirtschaftsgebäude und an der Ostseite stand der Marstall mit der Turmeinfahrt gekrönt vom Uhrtürmchen. Das geplante Hofgebäude an der Westseite wie auch die zwei Wirtschaftsgebäude im Norden blieben leider unausgeführt. Vor der Südseite des Schlosses entstand der weit ausgedehnte prachtvolle französische Garten.


Zum Besitz Schlobitten gehörten noch die Herrenhäuser in Prökelwitz, Davids (seit 1730), Coellmen (seit 1820) und Behlenhof (seit 1845).

Das Schloss Schlobitten verfügte über 70 Zimmer. Im kunstvoll eingerichteten Festsaal konnten bei besonderen Anlässen 80 Gäste bewirtet werden, umsorgt von 30 Bediensteten. Eine Bibliothek mit über 50.000 wertvollen Bänden, 450 Gemälde, Münzsammlungen, Gobelins, prunkvolle Möbel und seltene Fayencen machten Schlobitten zu einer wahren Schatzkammer. Über 1.500 Hektar Land wurden von 160 Landarbeiterfamilien bewirtschaftet. Zu den sozialen Einrichtungen gehörte nach 1918 sogar ein eigenes Altersheim für alleinstehende alte Menschen.

Als älteste Warmblutzucht in Ostpreußen, Stutbuch von 1623, konnte Schlobitten auch in der Zucht von Trakehnern auf große Erfolge zurückblicken. Berühmte Vererber wie "Tempelhüter" waren hier stationiert. Kaiser Wilhelm der Zweite, der häufig zur Jagd erschien, erhob die Familie Dohna 1900 in den erblichen Fürstenstand und war auch Taufpate des letzten Besitzers, Fürst Alexander zu Dohna (1988-1997).
Fürst Alexander zu Dohna, 1939 zum Wehrdienst eingezogen, verließ als Kurier mit einem der letzten Flugzeuge den Kessel von Stalingrad. Im Mai 1944 wurde er wegen Befehlsverweigerung (Erschießung von amerikanischen Kriegsgefangenen) aus der Wehrmacht entlassen.

Schon seit 1943 beschäftigte er sich mit der zu befürchtenden Flucht. So entstand ein detailierter Fluchtplan für über 330 Menschen in den Westen.
Am 22. Januar 1945 setzten sich 3 Kolonnen mit 140 Pferden und 38 Wagen rechtzeitig vor Eintreffen der russischen Armee in Bewegung. Nach 1.500 Kilometern, zurückgelegt in 9 Wochen, erreichte dieser größte Einzeltreck aus Ostpreußen die Weser. Mit dabei waren auch französische Kriegsgefangene und 31 wertvolle Trakehner Mutterstuten.


Schloss Schlobitten wurde beim Einmarsch der Roten Armee am 23. Januar 1945 willkürlich zerstört und angezündet und brannte laut Aussage von zurückgebliebenen Einwohnern volle 3 Tage lang.
Kleinere Teile der Einrichtung konnten 1944 noch nach Westen ausgelagert werden und befinden sich verstreut in Museumsbesitz. Im Schloss Charlottenburg in Berlin befindet sich die größte Sammlung im sogenannten "Dohna Zimmer".


Die Ruinen der Seitenflügel wurden nach dem Krieg abgetragen, die Außenwände des Haupthauses stehen bis heute noch. Marstall und Brauerei im Nordosten wurden im Frühjahr 1945 von Fliegerbomben getroffen und die Ruinen nach dem Krieg abgeräumt. Es existiert noch das ehemalige Branntweinhaus, errichtet 1704/05. Es wird aber nicht mehr bewirtschaftet und verfällt.


Mittlerweile beschäftigten sich eine Reihe von Architekturstudenten aus Polen mit Plänen zur Wiederherstellung der Schlossanlage und ihrer sinnvollen Nutzung. Konkrete Umsetzungsabsichten sind nicht bekannt, aber vielleicht entsteht das Schloss der Dohnas doch noch einmal in Anlehnung an die alte Pracht. Heutiger Eigentümer der Anlage ist die AWRSP (Staatliche Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien).


Nachtrag mit alten Farbfotografien vom Schloß Schlobitten aus den Jahren 1943-45, die allesamt vom Fotografen Rudolf Schulze-Marburg stammen.

Auf der Internetseite des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (www.zi.fotothek.org) findet man u.a. das Farbdiaarchiv, welches auch Aufnahmen aus Schlobitten beinhaltet. Zur Geschichte dieses Instituts gibt dessen Internetseite Auskunft:

Seit fünfzig Jahren bewahrt das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München für die Bundesrepublik Deutschland eine Serie von 39.000 Colordiapositiven unter dem Namen "Historisches Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei" auf. Diese in den Jahren 1943-1945, also mitten im 2. Weltkrieg, angefertigten Aufnahmen sind das Ergebnis eines Versuchs der nationalsozialistischen Machthaber, wandfeste Kunstwerke im gesamten Reichsgebiet angesichts ihrer drohenden Zerstörung durch Bombenangriffe möglichst farbgetreu zu dokumentieren.

Auf Befehl Adolf Hitlers wurden im Frühsommer 1943 zunächst einige Probekampagnen durchgeführt. Nachdem die Resultate, die er sich in Form großformatiger Papierbilder vorlegen ließ, seine Billigung gefunden hatten, übernahm die "Hauptabteilung Bildende Kunst" des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda die weitere administrative Durchführung des "Führerauftrags Farbphotographie". In Zusammenarbeit mit den Denkmalämtern erstellte das Ministerium Listen aller als bedeutend bewerteten Freskendekorationen im Deutschen Reich, verpflichtete Fotografen, sorgte für die Einheitlichkeit von Kameras, Objektiven und Filmmaterial, beschaffte Beleuchtungsapparaturen und organisierte ihren Transport zu den jeweiligen Einsatzorten. [...]

Die Fotografen rekrutierten sich aus völlig unterschiedlichen Sparten; das Spektrum reichte vom Hochschulprofessor und seinen Schülerinnen, wie z.B. Walter Hege, über den etablierten Bildjournalisten (Paul Wolff), dem Kunsthistoriker (Carl Lamb), Chemiker (Ralph Weizsäcker) bis zu Großunternehmen wie die "Rex-Film" oder die "Ufa".
Die Großkampagne dauerte, verbunden mit einem erheblichen wenn auch gut bezahlten Risiko für die Fotografen, bis in den April 1945 hinein, endete praktisch also erst mit der Kapitulation des Deutschen Reiches.

Weitere Innenaufnahmen, die die ganze Pracht der Inneneinrichtung dieses Schlosses zeigen, finden sich hier: Farbdiaarchiv

Ein interessantes Forum mit vielen Informationen zum Schloß Schlobitten und über den Ort selbst verbirgt sich hinter diesem Link. Leider ist es in polnischer Sprache.


Quelle u.a.: www.ostpreussen.net; www.masuren.de; www.arta.olsztyn.pl; Zentralinstitut für Kunstgeschichte; Wikipedia