Dienstag, 23. Februar 2010

Der Oberschlesische Turm in Posen

 


Man findet leider nicht mehr viele Hinweise auf dieses imposante Bauwerk in der Literatur bzw. im Internet. Ich habe jedoch folgende zeitgenössische Beschreibung entdeckt:

In würdiger und eindrucksvoller Form ist Oberschlesien auf der Ostdeutschen Ausstellung für Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft 1911 in Posen vertreten.
Schon von der Bahn aus grüßt sein Ausstellungsbau, der Turm, mit den mächtigen Umrissen, dem blinkenden Kupferdach herüber und lenkt die Blicke und wohl auch die Fragen der Reisenden auf sich. Er wird auch als guter Wegweiser zu dem allerdings kaum fünf Minuten vom Bahnhof entfernt liegenden Ausstellungsgelände dienen.
Mächtiger aber noch als die äußere Form wirkt das Innere des gewaltigen, farbenfreudigen Kuppelbaues.


Der Oberschlesische Turm in den 1940er Jahren

Auf einer Grundfläche, die ein Sechszehneck von 58 m Durchmesser bildet, erhebt sich der Turm zu einer Höhe von 52 m über Terrain. Der untere Raum besitzt eine Grundfläche von 2642 qm. Die Empore, die sich in einer Höhe von 9 m befindet und durch zwei breite, bequeme Treppen zugänglich ist, hat eine Grundfläche von 1280 qm.




In Höhe von 23 Metern befindet sich ein Innenumgang um den Turm, der durch eine Brücke mit der Wendeltreppe verbunden ist, die um den Aufzugschacht zum Turm-Restaurant führt. Dieses 34 m über Terrain gelegene Restaurant hat 30 m äußeren Durchmesser und gewährt 600 Personen angenehmen Aufenthalt. Der elektrisch betriebene Aufzug fasst 10 Personen und führt direkt vom Terrain ins Restaurant. Von diesem aus gelangt man noch auf einer bequemen eisernen Treppe, die als Nottreppe vorgesehen ist, direkt ins Freie. Für den Bau wurden ca. 1500 Tonnen Eisen von den oberschlesischen Werken geliefert.




Wohl selten hatte eine Ausstellung einen derartigen Bau zur Verfügung.
Der Oberschlesische Turm wird deshalb auch verwöhnten Ausstellungsbesuchern zu imponieren vermögen. Für Oberschlesiens Industrie ist aber dieser Turm nicht nur ein Augenblickserfolg, sondern er wird ein dauerndes Wahrzeichen der Leistungsfähigkeit der oberschlesischen Industrie bilden, da nach der Ausstellung das Restaurant durch ein Wasserbassin von 4000 cbm Inhalt ersetzt wird, um praktischen Aufgaben zu dienen: Wasserturm und Markthalle für Posen zu sein.



Es wäre [sonst wohl auch] unmöglich gewesen, diesen auf über eine halbe Million veranschlagten Bau lediglich für eine verhältnismäßig kurze Ausstellungsdauer zu errichten. Der Umstand, dass die aufblühende Stadt Posen in nächster Zeit einen neuen Wasserturm und eine Markthalle benötigt, legte den Gedanken nahe, die oberschlesische Ausstellung in einem gesonderten Räume zu veranstalten und diesen so zu gestalten, dass er später dem genannten Zwecke nutzbar gemacht werden konnte.



Die Lösung dieses Problems ist dem Direktor der Breslauer Königlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, Herrn Professor Hans Poelzig, wie der Turm zeigt, in glänzender Weise gelungen.



Obwohl erst am 15. September 1910 der erste Spatenstich erfolgt war, konnte bereits am 10. Februar 1911 das Richtfest gefeiert werden. Doch dieses Wahrzeichen Oberschlesiens in Posen gehört schon lange der Vergangenheit an, es sollte aber nicht vergessen sein.

Leider findet sich auch zum weiteren Schicksal des Turms nichts im Internet. Ich nehme aber an, dass der Turm im 2. Weltkrieg zerstört wurde.



Quelle u.a. "Hans Poelzig und der »neuzeitliche Fabrikbau« Industriebauten 1906-1934, Band I
von Hans-Stefan Bolz, Siegburg" auf http://hss.ulb.uni-bonn.de/2008/1615/