Mittwoch, 9. Dezember 2009

Schloss Dwasieden – Das weiße Schloss am Meer

"Wir drehen uns um, vom Meere aus in den Wald sehend - da steht vor uns Schloss Dwasieden! Ja, so muss Dornröschens Palast ausgesehen haben - umkränzt von dichtem Walde, still und geheimnisvoll, wie ein Gedicht zum Himmel steigend."
Schöner als in diesem Text aus "Daheim dt. Familienblatt" (1895) ist das helle Sandsteinschloss inmitten des grünen Buchenwaldes wohl nicht zu beschreiben! Es war das einzige Gebäude in Norddeutschland, welches aus massivem Sandstein, Granit und echtem Marmor gebaut worden ist. Somit war es auch eines der wertvollsten Schlösser.


Schloß Dwasieden auf einer alten colorierten Ansichtskarte

Erbaut wurde Schloss Dwasieden von 1873 bis 1877. Adolph von Hansemann, Inhaber der Disconto-Gesellschaft in Berlin (einer der reichsten Männer der Bismarckzeit), gab dieses Bauwerk in Auftrag. Der Architekt war Friedrich Hitzig - ein Schüler von Friedrich Schinkel. Der Bau des Schlosses und die Gestaltung des 100 Hektar großen Parks kosteten vier Millionen Mark. Zur damaligen Zeit eine gewaltige Summe. Das Schloss war als quadratischer, zweigeschossiger Bau angelegt, an dessen Seiten sich Säulengänge befanden, die in offenen, tempelartigen Pavillons endeten. Auffällig am Schloss waren die beiden an den Eckseiten angeordneten Aussichtstürme mit pfeilerartig hervortretenden Wandstreifen, die das Gebäude überragten.

3D-Visualisation  des Schlosses von Henry Mahner.
Für Infos und weitere Ansichten: www.henry-mahner.de
Nicht nur die Anlage und die hochwertigen Materialien machten es zu einem Prunkbau, sondern auch die wertvolle Innenausstattung. So kann man z.B. von Adolph Kohut in „Am Dünenstrand der Ostsee“ (1887) erfahren:
„Die Zimmer, welche Fremde besehen dürfen, liegen im Parterre des Schlosses. Alle diese zahlreichen Salons und Boudoirs, diese Musik- und Bibliothekzimmer, wie auch die Gesellschaftssäle sind mit ebenso feinem Geschmack wie großem Luxus ausgestattet. Die Möbel sind zum größten Teil Gobelin und rühren noch von dem Vater des Herrn von Hansemann, her. An den Wänden hängen prachtvolle Original-Ölgemälde – meistens Landschafts-, Genre- und Tierstücke unserer ersten Meister und auch die Plafonds sind mit Zeichnungen und Malereien namhafter Künstler geschmückt. Die alten venetianischen Spiegel und Kronleuchter (die letzteren sind beweglich und kann man jedes Stück herausnehmen), die wertvollen Ebenholzschnitzereien, die antiken Kamine aus weißem Marmor, die kostbaren Teppiche der Schmiedeberger Industrie, und all die zahlreichen Kunstgegenstände, die in Folge ihrer Seltenheit und ihrer Schönheit schon an und für sich ein großes Vermögen repräsentieren – all dies machte auf mich einen überwältigenden Eindruck.“
Auch der gesamte Park Dwasieden (400 Morgen) war eine sehr gepflegte Anlage und wurde schon bei seiner damaligen Fertigstellung als einer der schönsten Parks in Norddeutschland angekündigt. In Würdigung Friedrich Hitzigs soll noch erwähnt werden, dass das Schloss Dwasieden zusammen mit dem Schloss in Kittendorf als eine besonders bemerkenswerte architektonische Leistung gewürdigt wurde, die auch Eingang in das Künstler-Lexikon von 1924 fanden.

Der Hausherr verstarb im Oktober 1903 im Alter von 77 Jahren. Nach seinem Tod wurde der finanzielle Druck aus Gründen der Inflation so groß, dass man 1928/1929 vergeblich versuchte das Haus zu verkaufen oder zu vermieten. Ab 1933 wurden Ländereien um das Schloss Dwasieden wie Lancken und Promeusel über einen Treuhänder verkauft. Einzelne Siedlungen entstanden in den nächsten Jahren. Gert von Oertzen, der Enkel der Hansemanns, verkaufte das Schloss schließlich für 200.000 RM an die Stadt Sassnitz. Am 4. Oktober 1935 übernahm die Marine das Schloss. Es wurde eine Entfernungsmessschule eingerichtet, eine Unterabteilung der Schiffsartillerieschule in Kiel.


Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Schloss den Deutschen Behörden übergeben. Die neuen kommunistischen Machtaber in Ostdeutschland konnten sich nicht für das Projekt Dwasieden als Militäraltlast erwärmen. Außerdem waren alte Adelsbesitztümer und Schlösser der neuen Regierung ein Dorn im Auge. So wurde das Schloss Mitte 1948 kurzerhand gesprengt.

Friedlich ruht seitdem die Schlossruine am Steilufer nahe der alten Hafenstadt Sassnitz. Für den Wanderer nicht sofort sichtbar, nur Eingeweihte wissen von der einstigen Pracht des stattlichen Schlosses. Von Bäumen und Sträuchern umhüllt ist die Ruine heute. Nur noch Säulenreste, Keller und der Marstall zeugen von Schönheit und Einmaligkeit der Anlage. Kaum jemand weiß von diesem Schatz und seiner wechselvollen Geschichte.



Bild- und Textquellen, u.a.: http://www.schloss-dwasieden.de;
http://commons.wikimedia.org/wiki/Schloss_Dwasieden;
Für die Erlaubnis zur Verwendung der 3D-Visualisation des Schlosses herzlichen Dank an Henry Mahner.